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Baoding Shan Grotten

 
Ungewöhnlich ist an diesem 15 km von der Stadt entfernten Ensemble manches. Vor allem ist es unter Chinas grossen Grottentempelanlagen das Einzige, das nach dem Plan eines einzigen Mannes entstanden – und in entsprechend gedrängter Bauzeit, nämlich von 1179 bis 1252 als Lebenswerk seines „Erfinders“, des Mönchs Zhao Zhifeng. Der Aufbau und die bildnerische Darstellung folgen daher auch einer Grundidee, die sich durch ihren breiten progagandistischen Anspruch klar von dem unterscheidet, was man von buddhistischen Grottentempeln anderenorts her kennt: In einer Zeit, in der der Buddhismus gegenüber dem erstarkten Konfuzianismus in die Defensive geraten war, wollte Zhao in einem durchaus kühnen Entwurf sowohl diesen als auch den Taoismus umdeuten, als handele es sich bei diesen chinesischen Lehren letztlich um Aspekte einer höheren buddhistischen Weisheit. Diesem Anspruch ordnet sich in einer Weise, wie sie nur hier zu finden ist, die gesamte Präsentation unter, die zudem mit einer ausserordentlichen Fülle unterschiedlicher – eben nicht nur buddhistischer – Bildnisse und erzählender Szenen aufwartet. Eine weitere Besonderheit ist der Ort: eine hufeisenförmige Senke, dergestalt, dass man zu der Felswand nicht hinauf-, sondern hinabsteigt. Der Name Baoding Shan, „Schatzgipfelberg“, ist in dem Sinne durchaus irreführend. Ab Dazu Busbahnhof verkehren etwa halbstündig Busse.

Unten „erwandert“ man sich die Botschaft der Anlage auf einem Rundweg. Eigentlich müsste man sich zweiteilen, um es richtig zu machen: Die zwei Seiten des Hufeisens, thematisieren Verschiedenes, beide sind aber auf den Scheitelpunkt ausgerichtet, den gestalterischen und geistlichen – oder, wenn man will, propagandistischen Höhe- und Zielpunkt in Gestalt eines riesigen schlafenden Buddha. Gehen Sie den Weg daher am besten zweimal: zunächst unten rechts ( mit den Bildnissen zur Rechten ), dann noch einmal den gleichen Weg zurück. Wer abkürzen will, gelangt vom Ende über einen kurzen Querweg auch direkt zum Ausgang. Zwischen Parkplazt und Eingang passiert man unweigerlich eine lange Strasse mit Läden und Strassenständen, auf der die Händler ihr Bestes tun, einen erst von der Besichtigung und dann von der Heimkehr abzuhalten.

Wie in buddhistischen Tempeln wird der Eintretende zunächst einmal gehörig erschreckt und gewarnt. Es beginnt, am unteren Ende der Zugangstreppe, mit einem Tiger, dem folgt die Reihe der Dharmaschützer, die dick gepanzert in kampfbereiter Breitbeinigkeit dastehen und schon mit ihren Grauen erregenden Fratzen jegliches Böse am weiteren Vordringen in den heiligen Bezirk hindern wollen. Hat der Besucher die Wächter passieren dürfen, folgt sogleich der nächste Schreck: Der Todesdämon Mara präsentiert uns die Wahrheit über unser Schicksal – das Rad der Wiedergeburten, in dem alle Wesen gefangen sind. Welche Wesen das sind, illustriert der innerste der drei Ringe: Himmlische (ganz oben), Heilige und Menschen (links und rechts darunter), Tiere und hungrige Geister (noch darunter) sowie Höllenwesen (ganz unten). Doch schon kündigt sich auch Hoffnung an: In der Mitte des Rades, in der unbeweglichen Nabe, sitzt Buddha und erleuchtet alles; auch über dem Dämon schweben Buddhas – sie, die als „Erleuchtungswesen“ den Dämon besiegt haben. Dies ist die älteste derartige Darstellung in China.

Eine Drei-Zeichen-Inschrift mit darüber dargestellten Mönchen, Buddhas und Pagoden eröffnet die nächste Etappe: Die drei Zeichen sind der Name der Stätte:“Schatzgipfelberg“. Hier erweist sich sein Sinn: Es ist kein alter Ortsname, sondern eine eigens für das Grottenenemble gewählte Bezeichnung, die als „Berg des kostgbaren Höchsten“ zu verstehen ist: Das kostbare Höchste ist das Buddhatum. Drei grosse Figuren folgen und führen diese Höchste vor Augen: in der Mitte Vairocana, der Sonnengleiche, der Herr der unvergänglichen Diamentwelt – dem Gegensatz zum söben gezeigten Reich des Todesdämons -, begleitet von seinen zwei Bodhisattvas Manjushri (rechts) und Samantabhasdra. Kurz darauf endet die Freiluftszenerie: Ein Vorbau schützt das spektakulärste Bildnis der ganzen Anlage, eine komplett vergoldete, tausendarmige Guanyin. Der riesige Kranz der Hände, die anders als sonst nicht bloss als Ornament erscheinen, sondern alle einzeln plastisch ausgeformt sind, bedeckt eine Fläche von 88 m2; auch ist die Tausendzahl hier keine Übertreibung: Genau 1007 Hände sollen es sein, die dieser Bodhisattva der Barmherzigkeit reckt, um allen zu helfen und sie vom irdischen Jammer zu erretten. Das Bildnis ist ein grossartiges Zeugnis für die frühe Blütezeit des bis heute populären Guanyin Kults. Achtung: Fotografieren ist hier nicht gestattet.

Der geistliche und geometrische Scheitelpunkt der Anlage zeigt Buddha Gautama, wie er das höchstmögliche Ziel menschlichen Strebens erreicht: bei seinem Tod mit dem Eintritt ins Nirwana dem Kreislauf aus Todesschmerz und Geburtsschmerz endlich zu entfliehen. Die Grösse der Figur – sie ist 31 m lang – will eine Ahnung von der Dimension des Ziels vermitteln. Gleichzeitig betreten wir hier das Reich der Gautamalegende, wie sie sich versteht: als historische Wahrheit. Ein gestalterischer Trick macht den Buddha grösser, als der Platz es erlaubte: Der untere Teil seines liegenden Körpers verschwindet gewissermassen im Erdboden, ist also gar nicht dargestellt. Dort schaut die Trauergemeinde hervor: seine als Bodhisattva oder Mönche dargestellten Schüler sowie Familienangehörige. Der Gestaltung des im unteren Drittel „versunkenen“ Buddhas entsprechend, ist von ihnen nur der Öberkörper dargestellt. Auf einem Opfertisch liegen Früchte, darüber schwebt in einer Wolke eine Gruppe von Frauen: Buddhias Mutter, seine Stiefmutter, seine Frau und andere Gestalten aus seinem früheren Leben und aus dem Jenseits. Auch die Darstellungen auf der nun folgenden nördlichen Talseite sind in Richtung auf den Buddha beschrieben, da sie sich nur so richtig erfassen lassen.

Wieder sieht man furchterregende Gestalten: Es ist eine Gruppe von Schutzgöttern auf dem Weg zur Hölle, die man nun betritt: Sie versetzen die Bösen schon mal in gehöriges Erschaueren, fungieren aber auch als Anwälte der Guten, für die sie um Gerechtigkeit bitten. Solche Menschen, die Zeit ihres Lebens gutes Karma sammelten, sind darüber zu sehen. Hauptfigur mit goldenem Antilitz ist der Asket Liu Benzun. Er war der Lehrer Zhao Zhifengs, des Schöpfers der ganzen Anlage; dieser lässt die Heilslehre, die er illustrieren will, auf dieser Talseite also mit seiner Gegenwart beginnen.

Jetzt kommt’s dicke: Im Jenseits, nach dem Tode, sorgen die Teufel für späte Gerechtigkeit. Ein Missetäter kommt unter die Kreissäge, einem anderen werden die Knochen zertrümmert, wieder andere müssen in einer Eishöhle bibbern oder werden in siedendes Öl geworfen. Dazwischen sorgen ein paar friedliche Szenen für gehörigen Kontrast, darunter eine junge Frau, die ihr Hausgeflügel füttert. Ein Quell der Sünde ist Alkohol. Auch das wird illustriert: Ein Sohn fasst seiner Mutter im Suff unsittlich an die Brust, ein betrunkener Mann erkennt seine Frau nicht, ein anderer nicht seinen eigenen Sohn. Über allem thront Kschitigarbha, der Bodhisattva der Unterwelt, umgeben von den Höllenrichtern und dem Leitungspersonal des Purgatoriums. Das ist übrigens keineswegs buddhistisch, aber darauf kommt es hier nicht an, im Gegenteil: Der taoistische Volksglauben, dem diese Höllenvorstellungen angehören, wird hier in die buddhistische Lehre von Karma und Wiedergeburt aufgenommen.

Die buddhistische Gegenwelt: das „Reine Land des Westens“, das Totenparadies des Bodhisattva Amitayus. Das heiter-laszive Tanz- und Musik Leben, das die Paradiesszenen des 7. / 8. Jahrhunderts vor dem Betrachter ausbreiteren, sucht man im Paradies des Amitayus vergebens: Der nun tonangebende Konfuzianismus hätte darüber die Nase gerümpft. So ist alles reichlich steif geraten.
Der Buddhismus galt dem Konfuzianismus vor allem wegen des Mönchs- und Nonnenzölibats als unmoralisch: Wer sorgt für die Eltern, wenn Kinder und Enkel fehlen? In der nächsten Darstellung entfaltet sich in zwei grossen Bildgruppen die Gegenprogaganda: Buddha Shakyamuni predigt die Kindespflichten und die Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Gleich zu Beginn (zwischen der Treppe und der Hauptfigur) ist Buddha Gautama unten zu sehen, wie er selbst hilft, den Sarg seines Vaters zu tragen. Andere Szenen sind rein konfuzianisch: Ein Mann schultert ein Joch mit Zwei Körben daran, in denen seine alterssachwachen Eltern sitzen, Eheleute freuen sich ihres Nachwuchses, Mütter stillen ihn, ein Paar betrauert den Leichnam seines Sohnes, man sieht eine Schwangere, und ein junges Paar bittet den über ihm dargestellten, monumentalen Buddha um einen Stammhalter. Zu den bekanntesten Szenen gehört im hinteren Teil ( unter einer Reihe von sieben grossen Buddhas) die Mutter, deren Knäblein das gemeinsame Bett genässt hat: Nun wechselt sie selbst ins Feuchte, damit das Söhnchen im Trocknen ruhen kann.

Es folgt die Vairocana Grotte, die für eine eine „theologische“ Verknüpfung der vorangegangenen Abschnitte mit dem, was folgt, sorgt: Vairocana, der Sonnengleiche, ist der überzeitliche Herr der höchsten Weisheit. Er wird hier aber (anders als im Zentrum des korrespondierenden 2. Abschnitts gegenüber) nicht direkt dargestellt, viel mehr entströmt seine Weisheit dem Kshitigarbha, dem Bodhisattva der Unterwelt und der Kinder, also jenem Bodhisattva, der für die söben ausführlich illustrierten Lebens- und Todesaspekte zuständig ist. Alle Freuden und Leiden sind in der jenseitigen Sphäre der Buddhas aufgehoben und vergessen. Da sich aber die Lehre des Vairocana nur dem Meditierenden erschliesst, bedarf der Mensch wahrnehmbarer Worte und Anschauungen. So beginnt nun im nächsten Abschnitt eine neue Erzählung: Wie der Buddha in die Welt kam.
Eine nahezu bildlose Wand ist zu passieren, dann steht man vor dem Pfauenkönig, einer früheren Inkarnation des Buddha Gautama. Der Pfau sog einst aus einem Felsen Wasser von wundersamer Heilkraft. Herausgestellt werden hier die buddhistische Mildtätigkeit und das Erbarmen für das Leiden der Kreatur. Es folgt dessen Geburtsgeschichte: Man sieht seine Mutter Maya mit einer Dienerin und dem söben geborenen Knaben, der freilich schon stehen und gehen kann. Die neun Drachenköpfe darüber sind  eigentlich Wasserschlangen: Sie wuschen den Neugeborenen der Legende nach, und tatsächlich tritt aus dem Kopf des grössten Drachen Wasser: Man hat um des Effekts willen eine Quelle hierher umgeleitet. Das Wasser speist einen Graben, der den Betrachter wieder dorthin geleitet, wo er schon einmal war: vor den liegenden Riesenbuddha.
 

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