Fujian an Chinas Südostküste
liegt weit abseits der von den moisten
westlichen Touristen bevorzugten Routen, was
eigentlich bedauerlich ist, denn die Provinz
besitzt nicht nur ein wildes gebirgiges
Landesinnere, sondern auch eine Reihe alter
Häfen,
zu denen Xiamen gehört,
Chinas attraktivste und interessanteste Küstenstadt.
Kulturell und geografisch zeigt sich die
Provinz gespalten: Die eine Hälfte
besteht aus historischen Häfen
und grünen
subtropischen Künstenstrichen,
deren weltoffene Bevölkerung
sich selbst im Januar an wärmender
Sonne und blühenden
Bäumen
erfreuen kann. Im scharfen Kontrast dazu
steht das zerklüftete,
gebirgige und grösstenteils
unzugängliche
Landesinnere, das klirrend kalte Winter
erlebt und in dem rund 140 lokale Dialekte
gesprochen werden. Die Geschichte dieses
Gebietes war stets von Armut und Rückständigkeit
geprägt:
Als die Rote Armee in den 60er Jahren
einmarschierte, traf sie Dorfgemeinschaften
an, die noch nichts davon wussten, dass die
Qing Dynastie (1644-1911) gestürzt
war, und noch heute ist die Region
unerschlossen genug, um den letzten
verbliebenen Südchinesischen
Tigern Lebensraum zu bieten. Doch während
das inländische
Fujian nur wenig von den Ereignissen in
China erfuhr, gediehen die Kontakte zwischen
den Küstengebieten
und der auswärtigen
Welt
über
viele Jahrhunderte hinweg prächtig.
In der Tang Dynastie galt der Hafen Quanzhou
neben
Ägyptens
Alexandria als wichtigster internationaler
Hafen der Welt. Es wimmelte dort von Händlern
aus dem Nahen und Mittleren Osten; manche
von ihnen blieben und einige ihrer
Nachfahren leben noch heute in der Region.
Der Reichtum, der sich in den Häfen
ansammelte, zog eine Bevölkerungsexplosion
nach sich, die wiederum eine
Massenauswanderung bewirkte, in deren Folge
grosse Teile der Malaiischen Halbinsel, der
Philippinen und der Insel Taiwan von
Fujianesen besiedelt wurden. Im 18.
Jahrhundert Nahm
der Exodus von arbeitsfähigen
Menschen einen solchen Umfang an, dass sich
der kaiserliche Hof in Peking genötigt
sah, ein Auswanderungsverbot auszusprechen,
das jedoch auf taube Ohren stiess.
Auch heute noch ist das Landesinnere von
Fujian grösstenteils
unbesucht und unbekannt. Ausnahmen bilden
das landschaftlich wunderschöne
Gebirge Wuyi Shan im Nordwesten der Provinz
und die Hakka Gebiete rund um das südwestliche
Yongding. Die Küste
erlebt hingegen einen vehementen Aufschwung,
denn aus Hongkong und vor allem aus dem
benachbarten Taiwan, dessen Bürger
in grosser Zahl aus Fujian stammen und
denselben Dialekt sprechen, fliessen
kolossale Investitionen in dieses Gebiet.
Fuzhou und Xiamen gehören
zu den reichsten Städten
des Landes. Auf Xiamen ruht die Hoffnung,
dass es mit seinen sauberen Stränden,
charmanten Strassen und lockenden
Einkaufsarkaden das chinesische Stadtbild
der Zukunft repräsentiert.
Die Nähe
der Stadt zu Taiwan hatte nicht nur eine
rapide wirtschaftliche Entwicklung der
Region und eine enorme Zunahme erstklassiger
touristischer Einrichtungen zur Folge,
sondern sie führte
auch zu bedrohlichen Spannungssituationen,
so zum Beispiel 1996 anlässlich
der taiwanesischen Präsidentschaftswahlen,
als die festländische
Regierung unmittelbar vor Taiwans Küste
spontan ein gross angelegtes Militärmanöver
inszenierte, um die taiwanesische Bevölkerung
nicht gerade diskret darauf hinzuweisen,
besser nicht für
separatistische Kandidaten zu stimmen.
|