Die Provinz Shandong, die deren fruchtbaren
Ebenene der Gelbe Fluss den letzten Teil
seiner Reise absolviert, hat die Form eines
sich in die Lüfte
erhebenden Adlers – ein passendes Bild für
eine Provinz, die sich nach einer
Vergangenheit voller Probleme und Stagnation
endlich zu behauptten beginnt.
Jahrhundertelang dümpelte
Shandong als eine der
ärmsten
Regionen Chinas vor sich hin, überbevölkert
und der Gnade des Gelben Flusses
ausgeliefert, dessen Verlauf sich fortwährend
änderte
und dessen Delta sich im Laufe der Zeit vom
Golf von Bohai im Norden zum Gelben Meer im
Süden
verschob, wobei jede Veränderung
ein Chaos auslöste.
Doch der Fruchtbarkeit der
Überschwemmungsebenen
ist auch zu verdanken, dass hier seit 6000
Jahren Menschen siedeln. Spuren aus
neolithischer Zeit wurden an zwei Orten
entdeckt, in Dawenkou und Longshan. Relikte
wie mit Töpferscheiben
hergestellte Keramik oder Jadeschnitzereien
deuten auf eine erstaunlich hoch entwickelte
Agrargesellschaft hin. In der Zeit der
Streitenden Reiche ( 720-221 v. Chr) gehörten
die Staaten Qi und Lu zu Shandong, und so
ist die Provinz heute
übersät
mit alten Grabstätten
und Tempeln, von denen sich die
interessantesten auf dem Tai Shan befinden,
dem heiligsten daoistischen Berg Chinas, der
sich fast genau in der Mitte der Provinz
erhebt und ihre spektakulärste
Touristenattraktion bildet. Als zweite
grosse religiöse
Stätte
gilt Qufu, die Heimat des berühmtesten
Sohnes Shandongs namens Konfuzius.
Die jüngere
Geschichte Shandongs wird jedoch von ausländischen
Einflüssen und deren Auswirkungen beherrscht. Im Jahre 1897 kamen die
Deutschen und besetzten den Hafen von
Qingdao im Süden
der Provinz, das direkt aus Bayern hierher
verpflanzt scheint und die besten Strände
des nördlichen
China vorweisen kann. Bald darauf folgte die
gegenwärtige,
hässliche
Provinzhauptstadt Jinan, und mit dem Bau
eines provinzweiten Eisenbahnnetzes bauten
die Deutschen ihren Einfluss weiter aus. Von
ihrer Anwesenheit zeugen noch heute die
Formen vieler Bahnhöfe.
Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wuchs
die Unzufriedenheit mit den Besatzern, und
die Stimmung wurde durch Flutkatastrophen
und den Zustrom von Flüchtlingen
aus dem Süden
zusätzlich
angeheizt, sodass Shandong schliesslich zum
Schauplatz des Boxeraufstandes wurde.
Hinter der deutschen Fassade von Qingdao
verbirgt sich ein ganz neues Gesicht von
Shandong, und die zunehmende Anzahl von
Fabriken zeugt von dem schnellen Tempo der
Modernisierung und Industrialisierung.
Qingdao ist die Hauptindustriestadt, an
zweiter Stelle folgt Ji’nan, und der
aktivste Handel wird im Hafen von Yantai
betrieben. Das neue Shengli
Ölfeld
im Nordosten ist das zweitgrösste
Chinas, und da die Ausbeutung der
umfangreichen
Ölreserven
im Bohai Meer eben erst begonnen hat,
scheint der Provinz ein gewaltiger
Wirtschaftsaufschwung bevorzustehen. Auch
ihre Tourismusindustrie gelangt allmählich
zur Blüte.
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