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Der erste Eindruck der Hafenstadt Qingdao im Osten der
Provinz Shandong verblüfft. Wer aus dem Bahnhof
heraustritt, Richtung Norden geht und die Gebäude
betrachtet, wird das Gefühl
haben, die Kopie eines bayrischen Dorfes aus dem 19.
Jahrhundert
am Gelben Meer vor sich zu haben. In der ehemaligen
deutsche Konzession hat der Zusammenschluss europäischer
Architektur mit dem modernen China ein bizarres
Nebeneinander geschaffen, in dem ostasiatische Steinlöwen
in lauschigen europäischen
Gärten
stehen und kleine Läden
und Wäschereien
sich hinter prächtigen,
selbstgefälligen
Fassaden verstecken.
Die unverwechselbare teutonische Prägung
von Qingdao geht auf das Jahr 1897 zurück
und ist ein Vermächtnis
der eifrigen Versuche Kaiser Wilhelms, das deutsche
Einflussgebiet im Osten auszudehnen. Seine Annexion von
Qingdao samt der umgebenden Halbinsel Jiaozhou wurde
nach dem typischen Muster der europäischen
Aktivitäten
jener Zeit gerechtfertigt. Der Anlass war angeblich die
Sorge um die „Sicherheit“, nachdem zwei deutsche
Missionare von der Boxer Bewegung ermordet worden waren.
Der Kaiser bauschte den Vorfall zu einer internationalen
Kriese auf und forderte in seiner nahezu hysterischen
Rede (die das Schlagwort von der „gelben Gefahr“ prägte)
die schwache Manschu Regierung zum Handeln auf. So
erhielt er seine Konzession, die Chinesen traten das
Gebiet für 99 Jahre ab
und genehmigten den Bau der Eisenbahnlinien von
Shandong. Qingdao war zuvor ein unbedeutendes
Fischerdorf gewesen, doch die Deutschen hatten hier den
idealen Platz für einen
Hochsee Flottenstützpunkt
gefunden. Die Stadt wurde in ein europäisches,
ein chinesisches und ein Geschäftsviertel
unterteilt, und eine Garnison von 2000 Soldaten schützte
ihre Unabhängigkeit.
Bis zum Jahr 1914 blieb sie in deutscher Hand, als die
Japaner, begierig auf eine Basis in China, Qingdao
bombardierten. Am 7. November wurde die Stadt
eingenommen, und 5000 Gefangene wurden nach Japan
verschleptt. Der Versailler Vertrag besiegelte die
Abtretung der Stadt an Japan, was die Chinesen zur
Weisglut brachte und zu Demonstrationen in Peking führte
– so nahm die 4. Mai Bewegung ihren Anfang. 1922 ging
die Hafenstadt schliesslich an China zurück.
Das moderne Qingdao ist noch immer ein bedeutender
Hafen, immerhin der viertgrösste
Chinas, und hinter der reizvollen Altstadt zeigt sich
eine Gegend mit ganz anderem Charakter – nämlich
eine ausgedehnte Industriemetropole mit Hochhäusern
und Fabriken. Interessanter dürften
die weissen Sandstrände
an Qingdaos Küstenlinie
sein, die zu den besten Nordchinas zählen.
Die Stadt ist sogar für
die Austragung der Segelwettbewerbe der Olympischen
Sommerspiele 2008 auserkoren worden. Die Touristensaison
dauert von Juni bis September, doch treffen viele
Besucher auch schon gegen Ende April / Anfang Mai ein,
wenn die Kirschbäume
im Zhongshan Park blühen.
Nicht zuletzt ist Qingdao Heimat des weltberühmten
Tsingtao Biers ( Tsingtao ist die alte Schreibweise von
Qingdao ), das seinen frischen und sauberen Geschmack
der Reinheit des Quellwassers vom Lao Shan verdankt,
einer reizvollen Gebirgsgegend
östlich der Stadt. Freunde des hiesigen Bieres mögen
daher am alljählichen
Bierfest Gefallen finden, das von Mitte bis Ende August
stattfindet.
Qingdao hat sehr viel zu bieten, doch am lohnendsten ist
hier das Bummeln. In der Hafengegend ist sehen und
gesehen werden angesagt, während
die tempereicheren Strassen der Innenstadt ein
kosmopolitisches Flair ausstrahlen. Umgewöhnlich
ist auch, dass es hier sogar Zeichen einer neuen, sonst
nur in Peking anzutreffenden chinesischen Jugendkultur
gibt: Strassenmusikanten an der Strandpromenade, elegant
im Sand liegende Strandliebhaber und skateboarder, die
die Berge herabsausen. Das alles gehört
zu dem allgemein lockeren und trendigen Flair von
Qingdao. Neben den Stränden
und der deutschen Altstadt sorgen auch einige sehr schön
gepflegte Parks für das
im Vergleich zu anderen chinesischen Grossstädten
aussergewöhnliche Charisma. |
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