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Chinas drittgrösste Stadt ist die Handelsmetropole
Tianjin, etwa 80 km östlich von Peking an der Küste
gelegen. Die Stadt besitzt nur wenige klassische
Sehenswürdigkeiten, vielmehr sind es die Strassenzüge,
eine Mischung aus alternder, überwiegend europäischer
kolonialer Architektur aus dem 19. und frühen 20.
Jahrhundert,
vermisst mit modernen Beton- und Glasmonolithen des
reichen und modernen China, die ihren Reiz ausmachen.
Allerdings ist Eile geboten, denn immer mehr weiträumige
Stadtgebiete werden saniert. Die Einheimischen selbst
sagen von ihrer Stadt, sie sei eine gigantische
Baustelle, für die alle drei Monate ein neuer Stadtplan
gedruckt werden müsste. Feng Jicai, einer der
bekanntesten Schriftsteller Chinas und wohnhaft in
Tianjin, war Mitbegründer einer Initiative zur Erhaltung
der Altstadt. Er bemerkte dazu, dass „eine Nation, die
ihre eigene Kultur verliert, in eine schrecklichere
seelische Krise stürzt, als wenn diese durch materielle
Armut verursacht wird. Nur eine Stadt mit einer Seele
wird geschätzt, behütet und bewahrt. Gilt sie nur als
Sache, so wird der Mensch sie hemmungslos ausnutzen,
nach Belieben verändern und ohne Reue zerstören.“ Das
heutige Tianjin ist ein trauriges Beispiel dafür.
Dennoch hat die Stadt architektonisch einiges zu bieten
und lockt mit Einkaufsmöglichkeiten, die gerade
Antiquitätenliebhaber freuen dürften. Ein Tagestrip von
dem nur gut eine Stunde Zugfahrt entfernten Peking
hierher lohnt sich also. Auf der recht angenehmen Fahrt
begegnet man auch vielen jungen Leuten aus Peking, die
modische Kleidung einkaufen wollen, älteren Bürgern mit
Interesse an Antiquitäten und pendelenden
Geschäftsleuten.
Wird Tianjin heute auch von Industrie und Handel
beherrscht, erlebte es doch seine erste Blütezeit als
Hafenstadt. Als der Ming Kaiser Yongle die Hauptstadt
von Nanjing nach Peking verlegte, wurde Tianjin Hafen
für die riesigen Mengen Reis, die als Abgaben aus dem
ganzen Süden durch den Grossen Kanal ( auch Kaiserkanal
) hergebracht wurden. Im 19. Jahrhundert wurden die seefharenden
Mächte aus dem Westen auf die Stadt aufmerksam. Unter
einem banalen Vorwand – chinesische Trupppen hatten ein
englisches Schiff genetert – erklärten sie den Krieg.
Ihre gut bestückten Kanonenboote führten sie zum
sicheren Sieg, und so erhielten die Europär mit dem 1856
unterzeichneten Vertrag von Tianjin das Recht, auf dem
chinesischen Festland neun Konzessionen zu errichten,
von denen aus sie Handel treiben und Opium verkaufen
konnten.
Diese separaten Konzessionsgebiete entlang des Flusses
Haihe waren in sich geschlossene europäische
Fantasiewelten: Die Franzosen etwa bauten elegante
Chateaux und Türme, die Deutschen bayerische Villen aus
roten Backstein. Die Spannungen zwischen der
einheimischen Bevölkerung und den Ausländern entluden
sich in den Ereignissen von Tianjin im Jahre 1870, als
eine aufgebrachte chinesische Menge ein von Franzosen
betriebenes Weisenhaus angriff und in den Glaubn, dass
chinesische Waisenkinder dorthin verschleppt wurden, die
Nonnen und Priester tötete. Zwanzig Chinesen wurden
daraufhin enthauptet und der Präfekt aus der Stadt
verbannt. Als Zentrum des geheimen Widerstands gegen die
Europäer erfuhr die Stadt mit dem Boxeraufstand von 1900
abermals eine Störung ihres vornehmen Friedens.
Schliesslich trugen die Ausländer die Maurn um das Alte
Chinesenviertel ab, um die Bewohner besser im Blick zu
haben. |
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