Im Volkspark von Chengdu klackern an Nachmittagen die Steine. Unter den Bäumen des Teehauses Heming stehen Tische, an denen Rentner Tee aus Deckeltassen trinken und dabei Mahjong spielen, Runde um Runde, begleitet vom Rufen der Ohrenputzer, die zwischen den Tischen ihre Dienste anbieten. Wer zusieht, begreift schnell, dass dieses Spiel für viele Chinesen weniger mit Glück als mit Geselligkeit zu tun hat. Und doch hängt über allen Spielen dieser Art ein Schatten: Glücksspiel um Geld ist auf dem chinesischen Festland verboten.
Dieser Widerspruch zieht sich durch die Geschichte der Spiele, die aus China stammen. Einige von ihnen stehen heute in den Casinos von Las Vegas oder Macau, andere sind Familienspiele geblieben. Die folgenden Abschnitte beschreiben ihre Herkunft und die Rechtslage, die Reisende kennen sollten.
Welche Rechtslage gilt auf dem Festland?
Glücksspiel ist in der Volksrepublik China seit ihrer Gründung 1949 offiziell untersagt. Das Strafgesetzbuch stellt insbesondere das Organisieren von Glücksspiel zu Erwerbszwecken und das Betreiben von Spielstätten unter Strafe. Spielautomaten, Casinos und Glücksspiel im Internet sind verboten, und die Behörden gehen regelmäßig gegen illegale Spielhallen und grenzüberschreitende Online-Angebote vor.
Es gibt genau zwei legale Ausnahmen: die staatliche Wohlfahrtslotterie, gegründet 1987, und die staatliche Sportlotterie, gegründet 1994. Beide werden vom Staat nicht als Glücksspiel eingeordnet, sondern als Mittel zur Finanzierung von Sozialprojekten und Sportförderung. Ihre kleinen Verkaufsstellen mit roten oder blauen Schildern sind in fast jeder chinesischen Stadt zu sehen, oft zwischen Nudelküche und Handyladen.
Für Reisende folgt daraus etwas ganz Praktisches: Auf dem Festland gibt es keine legalen Spielbanken. Angebote, die in Hinterzimmern oder über Bekanntschaften vermittelt werden, sind illegal, und wer sich darauf einlässt, riskiert Ärger mit der Polizei. Mit Mahjong unter Freunden ohne Geld hat das nichts zu tun. Das Spiel als solches ist nicht verboten.
Woher kommt Mahjong?
Mahjong entstand im 19. Jahrhundert während der Qing-Dynastie. Wo genau, ist umstritten; genannt werden vor allem die Gegend um Ningbo in der heutigen Provinz Zhejiang und Fujian. Das Spiel verbreitete sich rasch in den Städten an der Küste und wurde zu einem der beliebtesten Zeitvertreibe in ganz China. Gespielt wird zu viert mit einem Satz von meist 144 Steinen, die Zeichen, Kreise, Bambusstäbe, Winde, Drachen und Blumen zeigen. Ziel ist es, aus gezogenen und abgelegten Steinen eine vollständige Hand zu bilden.
Die drei Farben der Zahlensteine gehen auf Geld zurück: Die Kreise stehen für Münzen, die Bambusstäbe für Schnüre aufgefädelter Münzen und die Zeichensteine für Zehntausender. Auf der Eins der Bambusfarbe ist traditionell ein Vogel abgebildet, meist ein Spatz. Das passt zum Namen, denn in einigen chinesischen Dialekten klingt das Wort für das Spiel fast wie das Wort für Spatz, und im Kantonesischen heißt Mahjong bis heute so ähnlich.
Die Regeln unterscheiden sich stark nach Region. In Sichuan wird mit einem reduzierten Satz ohne Wind- und Drachensteine gespielt, was das Spiel schneller und rauer macht. In Hongkong und Guangdong gilt eine eigene kantonesische Wertung, in Japan entwickelte sich mit Riichi eine Variante mit eigener Turnierszene. Wer in China einer Runde zusieht, sollte sich also nicht wundern, wenn die Regeln eines Tisches nicht zu dem passen, was in einem Regelbuch steht.
In den Westen kam Mahjong in den 1920er-Jahren. Der Amerikaner Joseph Park Babcock, der in China gearbeitet hatte, veröffentlichte 1920 vereinfachte Regeln unter dem Titel „Rules of Mah-Jongg“ und löste damit in den USA eine regelrechte Mode aus. In China selbst erlebte das Spiel später einen tiefen Einschnitt: Während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 war es vollständig verboten, weil es als kapitalistisches Überbleibsel galt. Heute ist Mahjong wieder überall, in Parks, in Teehäusern, in Wohnzimmern und längst auch als App auf dem Telefon.
Was ist Pai Gow?
Pai Gow wird mit chinesischen Dominosteinen gespielt, und zwar mit einem Satz von 32 Steinen. Anders als europäische Dominos haben diese Steine keine leere Seite; sie zeigen Augenkombinationen von eins bis sechs auf beiden Hälften, und einige Kombinationen kommen doppelt vor. Jeder Spieler erhält vier Steine und bildet daraus zwei Hände zu je zwei Steinen, eine niedrigere vordere und eine höhere hintere Hand. Gewonnen hat, wer mit beiden Händen die des Bankhalters übertrifft.
Der Name bedeutet wörtlich etwa „Karte Neun“, weil der höchste Wert einer gewöhnlichen Hand neun beträgt. Das Spiel ist älter als seine schriftliche Überlieferung: Die früheste bekannte Beschreibung findet sich in einer Sammlung kantonesischer Spiele, die 1886 in Hongkong erschien. Chinesische Dominosteine selbst sind deutlich älter; wie weit ihre Geschichte zurückreicht, ist unter Historikern nicht abschließend geklärt.
Mit dem Pai Gow Poker, das in amerikanischen Casinos verbreitet ist, hat das Spiel nur das Prinzip der zwei Hände gemeinsam. Dort werden Spielkarten verwendet, und die Wertung folgt den Regeln des Pokers.
Stammt Keno wirklich aus China?
Um Keno rankt sich eine hübsche Geschichte. Ein Feldherr namens Zhang Liang soll das Spiel in der Zeit der Kriege zwischen Chu und Han erfunden haben, um Geld für die Verteidigung einer Stadt zu sammeln, und später hätten seine Einnahmen den Bau der Großen Mauer mitfinanziert. Belegt ist davon nichts. Historiker weisen darauf hin, dass die Idee, öffentliche Vorhaben über Lotterien zu finanzieren, in China erst im späten 19. Jahrhundert Fuß fasste.
Gesichert ist dagegen der Weg in den Westen. Im 19. Jahrhundert brachten chinesische Arbeiter, darunter viele beim Bau der transkontinentalen Eisenbahn in den USA, eine Zahlenlotterie mit, die mit Schriftzeichen gespielt wurde. In den amerikanischen Städten wurde daraus nach und nach ein Spiel mit Zahlen, das schließlich den Namen Keno erhielt. Die chinesische Bezeichnung einer dieser Lotterien, „Weiße-Tauben-Los“, erklärt sich einer verbreiteten Deutung zufolge daraus, dass Ergebnisse per Brieftaube in abgelegene Dörfer gebracht wurden. Auch das ist eher Überlieferung als Beleg.
Dokumentiert ist, dass die portugiesische Verwaltung in Macau Mitte des 19. Jahrhunderts Lotteriebetreiber lizenzierte. Damit beginnt eine Entwicklung, die bis heute andauert.
Was ist Sic Bo?
Sic Bo wird mit drei Würfeln gespielt, die in einem kleinen Behälter geschüttelt und dann aufgedeckt werden. Gesetzt wird auf die Augensumme, auf bestimmte Kombinationen oder schlicht auf „groß“ und „klein“. Daher kommen auch die anderen Namen des Spiels, Dai Siu oder Tai Sai, die genau das bedeuten. Der Name Sic Bo selbst lässt sich mit „kostbare Würfel“ übersetzen.
Das Spiel ist in den Casinos von Macau eines der am häufigsten gespielten Tischspiele. In die USA gelangte es im frühen 20. Jahrhundert mit chinesischen Einwanderern, auf den Philippinen ist es unter dem Namen Hi-Lo bekannt. Neben Sic Bo stammt auch Fan-Tan aus China, ein Spiel, bei dem ein Haufen Bohnen oder Knöpfe unter einer Schale in Vierergruppen abgezählt wird, bis ein Rest bleibt. In alten Spielhallen Macaus war Fan-Tan lange das wichtigste Spiel, bevor westliche Tischspiele es verdrängten.
Welche Spiele aus China haben mit Glück wenig zu tun?
Nicht jedes Spiel aus China ist ein Glücksspiel, und die bekanntesten sind es gerade nicht. Go, auf Chinesisch Weiqi, wird seit mehr als zweitausend Jahren gespielt; frühe Erwähnungen finden sich bereits in Texten aus der Zeit der Streitenden Reiche. Das Brett mit seinem Raster aus neunzehn mal neunzehn Linien gilt in China als eine der vier Künste des gebildeten Menschen, neben Musik, Kalligrafie und Malerei. Xiangqi, das chinesische Schach, ist dagegen das Spiel der Straße: Auf Klapptischen in Parks und vor Hauseingängen sitzen zwei Spieler, umringt von Zuschauern, die jeden Zug lautstark kommentieren.
Auch die Spielkarte hat chinesische Wurzeln. Während der Tang-Dynastie, lange bevor Karten in Europa auftauchten, sind in China erste Blattspiele belegt, die sich mit der Verbreitung von Papier entwickelten. Wie genau diese frühen Karten aussahen und gespielt wurden, ist nur bruchstückhaft überliefert. Sicher ist, dass sie über Handelswege nach Westen wanderten und dort über Jahrhunderte eigene Formen annahmen.
Warum ist Macau die Ausnahme?
Macau war über Jahrhunderte eine portugiesische Kolonie und legalisierte das Glücksspiel bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, um Einnahmen zu erzielen, nachdem der Hafen mit dem Aufstieg Hongkongs an Bedeutung verloren hatte. Nach der Rückgabe an China 1999 wurde Macau zu einer Sonderverwaltungszone mit eigenem Rechtssystem, und das Glücksspiel blieb erlaubt. Heute ist Macau der einzige Ort in China, an dem Casinos legal betrieben werden. Die Aufsicht liegt beim Gaming Inspection and Coordination Bureau, kurz DICJ, und nur eine begrenzte Zahl von Konzessionsnehmern darf Casinos betreiben. Nach dem Ende des Monopols im Jahr 2002 wurden zunächst drei, später sechs Konzessionen vergeben.
Für Besucher gilt ein Mindestalter von 21 Jahren für den Zutritt zu den Spielsälen. Die großen Häuser auf der Halbinsel und auf dem aufgeschütteten Cotai-Streifen prägen das Stadtbild, doch Macau hat mehr zu bieten: die Ruine der Paulskirche, die portugiesisch geprägte Altstadt und eine eigenständige Küche. Was sich außerhalb der Casinos lohnt, beschreibt die Seite Nord-Macau.
Hongkong geht einen anderen Weg. Casinos gibt es dort nicht, erlaubt sind aber Pferdewetten, Fußballwetten und die Lotterie Mark Six, alle über den Hong Kong Jockey Club. Die Rennen in Happy Valley mitten in der Stadt sind an Mittwochabenden auch für Besucher ohne Wetteinsatz ein Erlebnis, weil die Tribünen zwischen Hochhäusern stehen. Mehr zur Stadt auf der Seite Hongkong und Macau.
Wie steht es in Deutschland?
In Deutschland regelt der Glücksspielstaatsvertrag der Länder, welche Angebote erlaubt sind; die Teilnahme ist erst ab 18 Jahren zulässig, und zugelassene Anbieter führt die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder in einer öffentlichen Liste. Wer sich für die Spiele selbst interessiert, findet einen weiteren Überblick über chinesische Glücksspiele und ihre heutigen Casino-Varianten in einem Beitrag über chinesische Glücksspiele. Eine verwandte Kuriosität, die mit China weniger zu tun hat, als ihr Name vermuten lässt, beschreibt die Seite Chinesisches Roulette.
Was Reisende von diesen Spielen mitnehmen können
Für die meisten Reisenden sind die Spiele Chinas vor allem ein Fenster in den Alltag. Ein Nachmittag in einem Teehaus in Chengdu oder in einem Pekinger Park, wo ältere Männer über Xiangqi, dem chinesischen Schach, gebeugt sitzen, erzählt mehr über das Land als manche Sehenswürdigkeit. Zuschauen ist meist erwünscht, solange man Abstand hält und nicht kommentiert. Fotografieren sollte man nur nach einem fragenden Blick. Wie solche Begegnungen gelingen, beschreibt die Seite Sitten und Etikette, einen weiteren Blick auf den Alltag bietet die Seite Alltag in China.
Ein Mahjong-Satz ist außerdem ein schönes Mitbringsel. In Kaufhäusern und auf Märkten gibt es Sätze in allen Größen, von handlichen Reisesätzen bis zu schweren Kassetten aus Kunststoff mit Holzoptik. Beim Auspacken zu Hause fällt dann oft ein Stein auf, der mit einem roten Zeichen bemalt ist: 中, der rote Drache. Es ist dasselbe Zeichen, mit dem Chinesen den Namen ihres Landes beginnen, Zhōngguó, das Reich der Mitte.
FAQHäufige Fragen
Ist Glücksspiel in China legal?
Auf dem chinesischen Festland ist Glücksspiel um Geld verboten. Ausgenommen sind die beiden staatlichen Lotterien, die Wohlfahrtslotterie und die Sportlotterie. Macau ist die einzige Region Chinas, in der Casinos zugelassen sind; in Hongkong sind Pferdewetten und eine Lotterie über den Hong Kong Jockey Club erlaubt.
Darf man in China Mahjong spielen?
Ja. Mahjong als Spiel ist nicht verboten und gehört in Teehäusern, Parks und Wohnzimmern zum Alltag. Strafbar ist das organisierte Spiel um Geld, besonders das Betreiben von Spielstätten.
Stammt Keno wirklich aus China?
Die Wurzeln liegen in einer chinesischen Zahlenlotterie, die im 19. Jahrhundert mit Einwanderern in die USA kam und dort zu Keno wurde. Die oft erzählte Geschichte, das Spiel habe den Bau der Großen Mauer finanziert, ist eine Legende ohne historischen Beleg.
Ab welchem Alter darf man in Macau ins Casino?
In Macau liegt das Mindestalter für den Zutritt zu Casinos bei 21 Jahren, für Einheimische wie für Besucher.
Was ist der Unterschied zwischen Pai Gow und Pai Gow Poker?
Pai Gow wird mit 32 chinesischen Dominosteinen gespielt. Pai Gow Poker ist ein jüngeres Kartenspiel, das nur lose auf dem Prinzip der zwei Hände beruht und vor allem in amerikanischen Casinos verbreitet ist.
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