Im Frühjahr 1976 drehte Rainer Werner Fassbinder in 36 Tagen auf Schloss Stöckach in Unterfranken einen Film, der den Namen „Chinesisches Roulette“ trägt. Darin kommt weder ein Kessel noch eine Kugel vor. Das Roulette des Titels ist ein Gesellschaftsspiel, mit dem die Tochter eines Ehepaars an einem Wochenende die Lügen der Erwachsenen bloßlegt. Mit China hat das Spiel nichts zu tun, und genau das ist der rote Faden durch alles, was diesen Namen trägt.
Der Begriff steht heute für mindestens drei verschiedene Dinge: für Fassbinders Film und das Spiel, das ihm den Titel gab; für eine thematische Tischspiel-Variante mit den Tieren des chinesischen Kalenders; und in lockerer Rede für das gewöhnliche europäische Roulette, wie es in den Casinos von Macau gespielt wird. Dieser Beitrag nimmt die drei nacheinander auseinander.
Was spielt man in Fassbinders „Chinesischem Roulette“?
Das Spiel im Film ist ein Rate- und Wahrheitsspiel für eine größere Runde. Die Teilnehmer teilen sich in zwei Gruppen. Eine Gruppe einigt sich auf eine anwesende Person, die andere muss herausfinden, wer gemeint ist, und zwar nur mit hypothetischen Fragen: Was wäre diese Person, wenn sie ein Auto wäre? Ein Tier? Ein Gemälde? Die Antworten sagen am Ende mehr über die Antwortenden als über die gesuchte Person.
Bei Fassbinder wird das harmlose Spiel zur Waffe. Die Tochter Angela, die auf Krücken geht und von ihren Eltern vernachlässigt wird, hat das Treffen auf dem Landsitz eingefädelt, auf dem Vater und Mutter zufällig beide mit ihren heimlichen Geliebten auftauchen. Im Spiel treibt sie die Fragen so weit, bis eine Antwort nicht mehr zurückgenommen werden kann. Margit Carstensen, Anna Karina und Ulli Lommel spielen die Erwachsenen, hinter der Kamera stand Michael Ballhaus. Seine Uraufführung erlebte der Film im November 1976 in Paris, in die deutschen Kinos kam er im Frühjahr 1977. Innerhalb von nur sieben Jahren war es bereits Fassbinders 28. Spielfilm und nach „Whity“ der zweite, die gezielt für ein internationales Publikum produziert wurden. Wer ihn heute sieht, erkennt darin eher ein Kammerspiel über Verstellung als einen Film über Glück und Zufall.
Woher der Name des Spiels stammt, ist nicht geklärt. Weder im Film noch in den gängigen Nachschlagewerken findet sich eine belastbare Erklärung. Naheliegend ist, dass „chinesisch“ hier das Rätselhafte und Undurchschaubare meint, eine Zuschreibung, die in europäischen Sprachen verbreitet war. Das englische Kinderspiel, das auf Deutsch „Stille Post“ heißt, trägt im Englischen den Namen „Chinese whispers“ nach demselben Muster. Belegt ist diese Deutung für das Fassbinder-Spiel allerdings nicht.
Wie funktioniert die Variante mit den Tierkreiszeichen?
Die zweite Bedeutung ist jünger und stammt aus der Welt der digitalen Tischspiele. Der Spielehersteller 1X2 Gaming hat unter dem Namen „Chinese Roulette“ eine Variante entwickelt, deren Kessel wie beim europäischen Roulette 37 Fächer hat. Die Null bleibt, sie wird dort als Unendlichkeitszeichen dargestellt. Die übrigen 36 Fächer tragen aber keine Zahlen, sondern die zwölf Tiere des chinesischen Kalenders, jedes Tier dreimal: Ratte, Büffel, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein.
Gesetzt wird auf ein einzelnes Tier, auf Gruppen von drei Tieren, die nach Jahreszeiten oder Elementen benannt sind, auf Spalten oder auf zwei große Hälften. Die Gruppe „Frühling“ etwa umfasst Tiger, Hase und Drache, jene Tiere, die im chinesischen Kalender den ersten drei Monaten des Frühlings zugeordnet sind. Die Zuordnung der Elemente folgt dagegen eher der Spiellogik als der traditionellen chinesischen Astrologie, die jedem Tier ein eigenes festes Element zuweist und die fünf Elemente zusätzlich im Jahreszyklus rotieren lässt.
Mit China als Herkunftsland hat auch diese Variante nichts zu tun. Sie übernimmt die Bildwelt des Tierkreises, weil sie sofort erkennbar ist, und legt sie über das bekannte europäische Spiel. Wer das Wort „chinesisch“ im Namen liest und eine alte chinesische Tradition erwartet, liegt also falsch.
Was unterscheidet sie vom europäischen Roulette?
Im Konzept ist der Unterschied geringer, als die bunte Oberfläche vermuten lässt. Beide Kessel haben 37 Fächer und eine einzige Null. Der entscheidende Unterschied liegt in der Anordnung: Weil jedes Tier drei Fächer belegt, gibt es statt 37 möglicher Einzelzahlen nur 13 unterscheidbare Ergebnisse. Dadurch fallen die Auszahlungen kleiner aus, und die Treffer kommen häufiger.
| Merkmal | Europäisches Roulette | Tierkreis-Variante |
|---|---|---|
| Fächer im Kessel | 37 (0 bis 36) | 37 (Null plus 12 Tiere zu je 3 Fächern) |
| Einfachster Einzeleinsatz | eine Zahl | ein Tier |
| Auszahlung für den Einzeleinsatz | 35 zu 1 | 11 zu 1 |
| Gruppeneinsätze | Farben, Dutzende, Kolonnen, Gerade/Ungerade | Jahreszeiten, Elemente, Spalten, Hälften |
| Rechnerischer Vorteil des Hauses | rund 2,7 Prozent | rund 2,7 Prozent |
Zum Vergleich lohnt ein kurzer Blick auf den europäischen Kessel selbst. Neben der grünen Null trägt er 18 rote und 18 schwarze Zahlen, die nicht der Reihe nach, sondern in einer festen, scheinbar ungeordneten Folge angeordnet sind, damit hohe und niedrige, gerade und ungerade Zahlen möglichst gleichmäßig verteilt liegen. In vielen Spielbanken wird zudem die französische Form mit der Regel „la partage“ gespielt: Fällt die Null, verliert ein Einsatz auf Rot, Schwarz, Gerade oder Ungerade nur die Hälfte. Für diese einfachen Chancen sinkt der Vorteil des Hauses damit auf etwa die Hälfte. Eine vergleichbare Regel kennt die Tierkreis-Variante nicht, in einer Fassung entscheidet stattdessen eine zusätzlich aufgedeckte Karte, ob Einsätze bei der Null zurückkommen.
Der Vorteil des Hauses ist in beiden Fällen derselbe, weil er allein von der Null abhängt. Wer auf ein Tier setzt, deckt drei von 37 Fächern ab und erhält bei einem Treffer das Zwölffache des Einsatzes zurück. Rechnerisch fließen über viele Runden also 36 von 37 Teilen an die Spielenden zurück, genau wie beim europäischen Kessel. Daran ändert keine Variante und kein Einsatzsystem etwas. Die Tierkreis-Fassung ist mathematisch dasselbe Spiel in anderem Kostüm.
Die Online-Fassung mit den Tierkreiszeichen kann bei onlinecasinosdeutschland.com ausprobiert werden; Glücksspiel um Geld ist in Deutschland ausschließlich Volljährigen ab 18 Jahren erlaubt.
Woher kommt das Roulette überhaupt?
Das Roulette in seiner heutigen Form entstand im 18. Jahrhundert in Frankreich, der Name bedeutet schlicht „kleines Rad“. Häufig wird der Mathematiker Blaise Pascal als Erfinder genannt, der im 17. Jahrhundert an einer Maschine für ein Perpetuum mobile gearbeitet haben soll. Ob zwischen diesem Versuch und dem späteren Spieltisch eine direkte Linie besteht, ist nicht belegt.
Eine deutsche Station hat die Geschichte des Spiels ebenfalls. In Bad Homburg vor der Höhe führten die Brüder François und Louis Blanc Mitte des 19. Jahrhunderts einen Kessel mit nur einer Null ein, um ihr Casino gegenüber der Konkurrenz mit Doppelnull attraktiver zu machen. Aus diesem Kessel wurde das europäische Roulette, und François Blanc brachte das Modell später nach Monte Carlo. Die amerikanische Form mit Null und Doppelnull blieb daneben bestehen.
Nach China gelangte das Spiel erst über Macau, und dort spielt es bis heute eine Nebenrolle.
Welche Rolle spielt Roulette in Macau?
Macau ist der einzige Ort in China, an dem Casinos legal betrieben werden dürfen, und die Sonderverwaltungszone gilt seit Jahren als umsatzstärkster Casinostandort der Welt. Roulettetische stehen in den großen Häusern auf der Halbinsel und auf dem Cotai-Streifen, meist in der europäischen Form mit einer Null. Doch den weitaus größten Teil des Betriebs macht dort Baccarat aus, gefolgt von Würfelspielen wie Sic Bo, die aus China stammen. Wer Macau besucht und die Säle betreten möchte, muss mindestens 21 Jahre alt sein.
Die Stadt ist jenseits der Casinos eine eigene Reise wert. Die Fassade der Paulskirche, der Senado-Platz mit seinem wellenförmigen Pflaster und die portugiesisch-chinesische Küche zeigen eine Geschichte, die mit dem Spiel wenig zu tun hat. Einen Rundgang durch den älteren Teil beschreibt die Seite Nord-Macau, die Anreise über Hongkong die Seite Hongkong und Macau. Wie Glücksspiel auf dem chinesischen Festland geregelt ist und welche Spiele tatsächlich aus China stammen, steht auf der Seite Glücksspiele aus China.
Ist Roulette auf dem chinesischen Festland erlaubt?
Nein. Auf dem Festland ist Glücksspiel um Geld verboten, Roulette eingeschlossen. Legale Ausnahmen bilden allein die beiden staatlichen Lotterien. Casinos gibt es dort nicht, und ausländische Glücksspielseiten sind über chinesische Netze gesperrt. Wer auf einer Rundreise einen Abstecher zum Spieltisch plant, muss dafür nach Macau, das über eigene Grenzkontrollen verfügt und von Zhuhai oder Hongkong aus in kurzer Zeit erreichbar ist. Dass ein Tischspiel mit chinesischen Tierkreiszeichen ausgerechnet in China selbst nicht angeboten werden darf, gehört zu den Pointen dieses Themas. Für Reisende heißt das schlicht: Auf dem Festland bleibt der Tierkreis ein Motiv für Laternen, Scherenschnitte und Neujahrskarten, nicht für Spieltische.
Warum gerade die zwölf Tiere?
Dass die Tierkreis-Variante gerade diese Bildwelt wählt, hat mit ihrer Bekanntheit zu tun. Die zwölf Tiere begleiten in China jedes Jahr, jedes Horoskop und jedes Neujahrsfest; ihre Reihenfolge erklärt eine Volkserzählung über ein Wettrennen, zu dem der Jadekaiser die Tiere gerufen haben soll. Die kleine Ratte gewinnt es, weil sie sich auf dem Rücken des Büffels über den Fluss tragen lässt und kurz vor dem Ziel abspringt. Deshalb steht sie am Anfang des Zyklus, der Büffel dahinter. Die Katze fehlt, weil die Ratte sie der Legende nach nicht geweckt hat. Wer wissen möchte, in welchem Tierjahr er selbst geboren ist, sollte übrigens nicht einfach das Kalenderjahr nachschlagen: Das Tierjahr beginnt nicht am 1. Januar, sondern mit dem chinesischen Neujahr, das nach dem Mondkalender immer zwischen dem 21. Januar und dem 20. Februar liegt. Wer im Januar Geburtstag hat, gehört deshalb oft noch zum Tier des Vorjahres. Welches Tier gerade an der Reihe ist, sieht man in China rund um das Neujahrsfest an jeder Straßenecke, auf Laternen, Briefmarken und roten Umschlägen; mehr zu dieser Zeit steht auf der Seite Reisen rund um das chinesische Neujahr.
Der Tierkreis ist dabei nur die halbe Rechnung. Im traditionellen Kalender verbinden sich die zwölf Tiere, die sogenannten Erdzweige, mit zehn Himmelsstämmen, die wiederum den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser zugeordnet sind. Aus beiden Reihen entsteht ein Zyklus von sechzig Jahren, nach dessen Ablauf dieselbe Kombination zurückkehrt. Ein sechzigster Geburtstag hat in China deshalb eine besondere Bedeutung: Wer ihn feiert, hat einen vollen Kreis durchlaufen. Von dieser Tiefe bleibt in einem Tischspiel mit zwölf bunten Symbolen naturgemäß wenig übrig.
Eine andere Zahl hat im Spiel zwar keinen eigenen Platz, prägt aber den Alltag in China stärker als jeder Kessel. Die Acht gilt in China als Glückszahl, weil ihr Name „bā“ ähnlich klingt wie „fā“, das Wort für Wohlstand. Telefonnummern und Autokennzeichen mit vielen Achten werden teuer gehandelt, und die Olympischen Spiele in Peking wurden am 8. August 2008 um acht Minuten nach acht Uhr abends eröffnet. Die Vier dagegen meiden viele Chinesen, weil „sì“ an „sǐ“ erinnert, den Tod. In manchen Hochhäusern fehlt deshalb der vierte Stock, und im Aufzug folgt auf die Drei direkt die Fünf.
FAQHäufige Fragen
Gibt es ein traditionelles chinesisches Roulette?
Nein. Roulette ist ein europäisches Spiel, das im 18. Jahrhundert in Frankreich seine heutige Form bekam. Eine eigenständige, in China entstandene Roulette-Tradition ist nicht bekannt. Der Name bezeichnet heute vor allem eine thematische Tischspiel-Variante mit den Tierkreiszeichen.
Wie unterscheidet sich die Tierkreis-Variante vom europäischen Roulette?
Der Kessel hat wie beim europäischen Roulette 37 Fächer mit einer einzigen Null, doch statt 36 Zahlen tragen die übrigen Fächer zwölf Tiersymbole, jedes dreimal. Gesetzt wird auf Tiere oder Gruppen von Tieren. Der mathematische Vorteil des Hauses entspricht dem des europäischen Roulettes.
Was ist das Chinesische Roulette in Fassbinders Film?
Ein Wahrheits- und Ratespiel: Eine Gruppe denkt sich eine anwesende Person, die andere muss sie über Fragen wie „Was wäre diese Person, wenn sie ein Auto wäre?“ erraten. Im Film von 1976 wird das Spiel zum Werkzeug, um die Lügen der Erwachsenen bloßzulegen.
Wird in Macau Roulette gespielt?
Ja, in den Casinos von Macau stehen Roulettetische, meist in der europäischen Form mit einer Null. Den weitaus größten Teil des Spielbetriebs machen dort aber Baccarat und Sic Bo aus.
Hat Chinesisches Roulette etwas mit Russischem Roulette zu tun?
Nein. Russisches Roulette bezeichnet das lebensgefährliche Spiel mit einem teilweise geladenen Revolver. Die Bezeichnungen folgen nur demselben Muster, einem Spiel mit einem Ländernamen etwas Fremdes zu geben.
KULWeiterlesen
- Diese Glücksspiele sind in China besonders beliebt Einige der bekanntesten Spiele mit Steinen und Würfeln stammen aus China, und doch ist Glücksspiel auf dem Festland verboten. Ein Blick auf …
- Hongkong und Macau: Stadtteile, Star Ferry, Peak und Altstadt Macau Die Überfahrt mit der Star Ferry dauert nur ein paar Minuten und ist die schönste Einführung in Hongkong. Wie man die Stadt aufteilt, was sich vom …
- Der Norden der Halbinsel Macau Nördlich der Altstadt wird Macau zu einem Wohnviertel mit Märkten und Tempeln. Über allem steht auf dem höchsten Hügel der Halbinsel eine Festung …
- Reisen rund um das chinesische Neujahr Zum Frühlingsfest reist halb China nach Hause. Für Besucher aus Deutschland ist das eine faszinierende und zugleich anstrengende Zeit, in der Züge …
- Alltag in China Wer morgens um halb sieben durch eine chinesische Großstadt geht, sieht den Tag an Garküchen, in Parks und an den Sperren der U-Bahn beginnen. …
