In der Wartehalle des Bahnhofs Peking Süd hängen Anzeigetafeln wie in einem Flughafen: Zugnummer, Ziel, Gate, Status. Auf den Bahnsteig kommt erst, wer den Pass an der Sperre vorgezeigt hat, und das nur kurz vor der Abfahrt. Diese Mischung aus Flughafen-Logik und Bahn-Pünktlichkeit prägt das Zugfahren in China, und wer sie einmal verstanden hat, reist zwischen den großen Städten meist bequemer als mit dem Flugzeug.
Wie ist das Hochgeschwindigkeitsnetz aufgebaut?
China hat seit den späten 2000er-Jahren das größte Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt aufgebaut. Die Hauptachsen verlaufen von Nord nach Süd und von Ost nach West und verbinden fast alle Provinzhauptstädte. Die Strecke zwischen Peking und Shanghai ging 2011 in Betrieb und ist bis heute die meistbefahrene. Gebaut wurde fast alles auf eigenen Trassen, getrennt von den alten Bahnlinien, oft auf langen Viadukten, die in flachem Land kilometerweit auf Stelzen stehen.
Die Züge erkennt man am Buchstaben vor der Nummer. G-Züge, von „gaotie“, sind die schnellsten und fahren auf den neuen Strecken. D-Züge, von „dongche“, sind ebenfalls moderne Triebzüge, halten aber häufiger oder fahren auf etwas langsameren Abschnitten. C-Züge verkehren als Pendelzüge zwischen nahe gelegenen Städten, etwa zwischen Peking und Tianjin. Z-, T- und K-Züge sind klassische Züge mit Lokomotive, langsamer, günstiger und oft mit Schlafwagen.
Die neueren Triebzüge tragen den Namen Fuxing, die älteren Hexie. Für Reisende ist der Unterschied gering: Beide sind klimatisiert, sauber und haben Toiletten, Heißwasserspender und meist Steckdosen am Platz.
Welche Klassen gibt es im Hochgeschwindigkeitszug?
Die meisten G- und D-Züge haben drei Klassen.
| Klasse | Chinesisch | Sitzanordnung | Für wen |
|---|---|---|---|
| Zweite Klasse | erdeng zuo | fünf Sitze pro Reihe | die meisten Reisenden |
| Erste Klasse | yideng zuo | vier Sitze pro Reihe | mehr Platz, ruhiger |
| Business Class | shangwu zuo | wenige, weit verstellbare Sitze | lange Strecken, Komfort |
Die zweite Klasse ist für Strecken bis zu einem halben Tag völlig ausreichend. Die Sitze sind breit genug, die Beinfreiheit ist besser als in vielen europäischen Regionalzügen, und die Sitze lassen sich in Fahrtrichtung drehen. Auf der Seite mit drei Sitzen sitzt man mitunter eng, wer allein reist, bucht einen Platz auf der Zweierseite, meist mit den Buchstaben D und F bezeichnet, wobei F der Fensterplatz ist.
Die erste Klasse lohnt sich, wenn man arbeiten möchte oder die Fahrt lang ist. Die Business Class ist eine Kategorie für sich: wenige Sitze am Zugende oder hinter dem Führerstand, fast flach verstellbar, mit Snacks und Getränken. Auf einer Strecke wie Peking–Shanghai ist das ein spürbarer Unterschied, auf einer Stunde nach Tianjin nicht.
Wie funktioniert ein chinesischer Bahnhof?
Die großen Hochgeschwindigkeitsbahnhöfe liegen oft außerhalb der alten Stadtzentren und sind an die Metro angebunden. In Peking fährt man nach Shanghai meist ab Peking Süd, nach Xi’an und in den Südwesten ab Peking West; in Shanghai ist Hongqiao der wichtigste Bahnhof, direkt neben dem gleichnamigen Flughafen. Die Bahnhofsnamen sind wichtig, denn viele Städte haben mehrere, und ein Ticket ab Xi’an Nord nützt am alten Hauptbahnhof von Xi’an nichts.
Der Ablauf ähnelt einem Flughafen. Am Eingang wird der Pass kontrolliert und mit dem Ticket abgeglichen, danach folgt eine Sicherheitskontrolle mit Durchleuchtung des Gepäcks. Messer, Feuerzeuge in größerer Zahl, brennbare Flüssigkeiten und ähnliche Gegenstände sind nicht erlaubt. In der Wartehalle zeigen Tafeln an, an welchem Gate der Zug abfährt. Das Gate öffnet erst kurz vor der Abfahrt, und es schließt einige Minuten vorher. Wer zu spät kommt, steht vor einer geschlossenen Sperre, auch wenn der Zug noch am Bahnsteig steht.
An den Gates stehen automatische Sperren, die chinesische Personalausweise und an vielen Bahnhöfen inzwischen auch ausländische Pässe einlesen. Funktioniert das nicht, gibt es einen Durchgang mit Personal, an dem der Pass von Hand geprüft wird. Das ist normal und dauert selten lange.
Mit Gepäck ist man im Bahnhof gut bedient, es gibt Rolltreppen und Aufzüge. Im Zug ist Platz über den Sitzen für kleinere Koffer und hinter der letzten Sitzreihe für große. Wer mit einem sehr großen Koffer reist, steigt früh ein, weil diese Stellflächen schnell belegt sind. Gepäckaufbewahrung gibt es an den meisten großen Bahnhöfen, praktisch für Reisende, die zwischen Ankunft und Weiterfahrt noch einige Stunden in der Stadt verbringen wollen. Auch dafür wird der Pass vorgezeigt. Wer den Bahnhof zum ersten Mal betritt, sollte außerdem wissen, dass Ein- und Ausgang getrennt sind: Ankommende verlassen den Bahnhof meist über eine untere Ebene, auf der auch Metro und Taxistände liegen.
Ist der Reisepass wirklich das Ticket?
Ja. Zugtickets in China sind elektronisch und an die Ausweisnummer gebunden, bei Ausländern also an die Passnummer. Wer online bucht, gibt die Passdaten jedes Reisenden ein. Am Bahnhof, am Gate und bei Kontrollen im Zug wird der Pass vorgezeigt, einen Papierbeleg braucht man nicht. Der Pass sollte deshalb derselbe sein, mit dem gebucht wurde: Wer zwischen Buchung und Reise einen neuen Pass bekommt, muss das Ticket ändern lassen.
Die Buchung selbst läuft am verlässlichsten über 12306, die offizielle Plattform der chinesischen Eisenbahn, als Website oder App mit englischer Oberfläche. Ausländer registrieren sich dort mit ihrem Pass, danach lassen sich Verbindungen suchen, Sitze wählen und Tickets mit ausländischer Karte oder über Alipay bezahlen. Die Schritte im Einzelnen, vom Anlegen des Kontos bis zur Umbuchung, beschreibt die Seite Zugtickets über 12306. Tickets bekommt man auch am Schalter im Bahnhof gegen Vorlage des Passes, und daneben gibt es kommerzielle Buchungsportale, die gegen Aufschlag auf dieselben Kontingente zugreifen.
Zu Feiertagen wie dem Frühlingsfest oder der Woche um den Nationalfeiertag sind Züge oft Wochen im Voraus ausgebucht. Dann lohnt es sich, gleich bei Buchungsbeginn zuzugreifen oder auf weniger gefragte Tageszeiten auszuweichen. Die Reisezeit rund um das Neujahrsfest gilt als größte jährliche Wanderung der Welt; wer in diesen Wochen reist, liest vorher die Seite zum chinesischen Neujahr.
Nachtzüge: klassische Schlafwagen und Hochgeschwindigkeits-Schläfer
Auf langen Strecken fährt man in China noch immer gern über Nacht. Klassische Nachtzüge haben mehrere Schlafwagenklassen. Im Soft Sleeper, „ruanwo“, liegt man in abschließbaren Vier-Bett-Abteilen mit Tür, sauberer Bettwäsche und einer Leselampe. Im Hard Sleeper, „yingwo“, gibt es sechs Liegen in zum Gang offenen Abteilen, drei übereinander auf jeder Seite; die Liegen sind nicht hart, wie der Name sagt, aber die Privatsphäre ist geringer. Auf einigen Strecken fahren außerdem Deluxe-Abteile mit zwei Betten.
Auf manchen Relationen verkehren auch Hochgeschwindigkeitszüge mit Schlafwagen, meist als D-Züge. Diese Züge sind schneller als die klassischen Nachtzüge und dennoch langsam genug, um eine Nacht zu füllen.
Für Reisende hat der Nachtzug zwei Vorteile: Er spart eine Hotelnacht und bringt morgens mitten ins Tagesprogramm. Der Nachteil ist, dass die Liegeplätze begehrt sind, besonders im Soft Sleeper. Die untere Liege ist beliebt, weil man dort sitzen kann, die obere ist ruhiger, weil tagsüber niemand darauf sitzt.
Beispielstrecken: Peking–Shanghai, Peking–Xi’an, Guilin–Guangzhou
Die Verbindung Peking–Shanghai ist das Paradebeispiel. G-Züge verbinden Peking Süd und Shanghai Hongqiao in so kurzer Zeit, dass der Zug von Stadtzentrum zu Stadtzentrum mit dem Flugzeug mithalten kann, ohne Check-in und ohne Verspätungen durch Flugverkehr. Unterwegs hält der Zug in Städten wie Jinan und Nanjing, die sich für einen Zwischenstopp anbieten. Wer Peking und Shanghai in einer Reise verbindet, findet Anregungen auf den Seiten zu Peking und Shanghai.
Zwischen Peking und Xi’an hat man die Wahl. Tagsüber fahren Hochgeschwindigkeitszüge ab Peking West nach Xi’an Nord, über Shijiazhuang und Zhengzhou, durch die Ebene des Gelben Flusses. Abends fahren klassische Nachtzüge vom Bahnhof Peking West zum alten Bahnhof von Xi’an, der näher an der Stadtmauer liegt. Wer am Morgen direkt zur Terrakotta-Armee aufbrechen will, spart mit dem Nachtzug einen Tag.
Die Strecke von Guilin nach Guangzhou ist landschaftlich eine der schönsten des Netzes. Die Züge fahren ab Guilin Nord oder Guilin West durch die Karstlandschaft Guangxis und durch zahlreiche Tunnel nach Guangzhou Süd. Viele Reisende kombinieren sie mit einer Fahrt auf dem Li-Fluss und einem Aufenthalt in Yangshuo, beschrieben auf der Seite zu Guilin und Yangshuo. Von Guangzhou aus geht es weiter nach Shenzhen und über die Hochgeschwindigkeitsstrecke bis nach Hongkong-Westkowloon.
Auf allen drei Strecken lassen sich Fahrzeiten und Preise in 12306 für den gewünschten Tag nachsehen; sie hängen von Zugtyp, Halten und Klasse ab.
Zug oder Flugzeug: was lohnt sich wann?
Als Faustregel gilt: Auf Strecken, die ein Hochgeschwindigkeitszug in einem halben Tag schafft, ist die Bahn meist die bessere Wahl. Bahnhöfe sind mit der Metro erreichbar, die Kontrollen gehen schneller als am Flughafen, und das Gepäck bleibt bei einem selbst. Verspätungen sind selten, während Inlandsflüge in China im Sommer wegen Gewittern und Luftraumbeschränkungen häufig später starten. Wer in Peking-Mitte losfährt und in Shanghai-Mitte ankommen will, ist mit dem Zug oft ähnlich schnell unterwegs.
Das Flugzeug spielt seine Stärke auf sehr langen Distanzen aus, etwa von Shanghai nach Chengdu, nach Kunming oder nach Ürümqi, oder wenn zwei Orte nicht an derselben Hochgeschwindigkeitsachse liegen. Auch dann kann eine Kombination sinnvoll sein: ein Flug für den langen Sprung und die Bahn für die Etappen dazwischen, etwa von Kunming weiter nach Dali und Lijiang.
Ein unterschätzter Vorteil der Bahn ist der Blick aus dem Fenster. Zwischen Peking und Xi’an sieht man die Lössebenen und Dörfer der nordchinesischen Tiefebene, zwischen Guilin und Guangzhou die Kegelberge des Karsts, auf der Strecke nach Fujian Teeterrassen und Küstenberge. Von oben sieht man davon nur Wolken.
Umbuchen, Stornieren und Verspätungen
Tickets lassen sich vor der Abfahrt in 12306 oder am Schalter umbuchen oder zurückgeben. Die Bedingungen hängen davon ab, wie kurz vor der Abfahrt man ändert, und können Gebühren nach sich ziehen. Wer einen Zug verpasst, sollte sich sofort an einen Schalter wenden, denn unter Umständen ist am selben Tag noch eine Umbuchung auf einen späteren Zug möglich.
Essen, Wasser und Alltag an Bord
In jedem Wagen gibt es einen Heißwasserspender, und Chinesen reisen traditionell mit einer Thermoskanne für Tee oder mit Instantnudeln, die mit dem heißen Wasser aufgegossen werden. Der Geruch von Nudelsuppe gehört zu längeren Zugfahrten dazu. Die meisten Züge haben einen Speisewagen oder eine Bar, zusätzlich kommt ein Wagen mit Snacks, Getränken und Lunchboxen durch den Gang. Über die 12306-App lassen sich auf vielen Strecken auch Mahlzeiten von Restaurants an den Bahnhöfen bestellen, die beim nächsten Halt an den Platz gebracht werden.
Im Zug geht es ruhiger zu, als man denkt. Durchsagen erfolgen auf Chinesisch und Englisch, die Anzeigen im Wagen zeigen den nächsten Halt. Auf manchen Strecken gibt es ausgewiesene Ruhewagen, in denen Telefonate und laute Videos unerwünscht sind.
Sonderfall: die Bahn nach Tibet
Eine Strecke fällt aus allem heraus: die Qinghai-Tibet-Bahn von Xining nach Lhasa. Die Strecke überquert den Tanggula-Pass in über fünftausend Metern Höhe und ist damit eine der höchstgelegenen Bahnstrecken der Welt. Die Wagen haben eine eigene Sauerstoffversorgung, und an jedem Platz gibt es einen Anschluss für einen Sauerstoffschlauch. Für die Fahrt nach Tibet brauchen ausländische Reisende neben der Einreise nach China eine zusätzliche Genehmigung, ohne die kein Ticket verkauft wird. Wer die Fahrt plant, sollte sich außerdem mit der Höhenanpassung befassen, bevor der Zug über das Hochplateau rollt; auf den ersten Stunden im Zug ist die Aussicht aus dem Fenster auf die Grasländer von Qinghai ohnehin die beste Beschäftigung.
FAQHäufige Fragen
Wie kauft man in China ein Zugticket als Ausländer?
Über die offizielle Plattform 12306, als Website oder App mit englischer Oberfläche, oder am Schalter im Bahnhof mit dem Reisepass. Das Ticket ist an die Passnummer gebunden. Die Schritte beschreibt die Seite Zugtickets über 12306.
Braucht man in China ein ausgedrucktes Zugticket?
Nein. Tickets sind elektronisch und hängen an der Passnummer. Der Pass ist beim Betreten des Bahnhofs, am Gate und bei Kontrollen im Zug das eigentliche Ticket. Ein Beleg kann auf Wunsch am Schalter ausgedruckt werden.
Was bedeuten G, D und K vor der Zugnummer?
G steht für die schnellsten Hochgeschwindigkeitszüge, D für etwas langsamere Hochgeschwindigkeitszüge, die oft auch Nachtverbindungen fahren. Z, T und K bezeichnen klassische Züge mit abnehmender Geschwindigkeit, häufig mit Schlafwagen.
Wie früh sollte man am Bahnhof sein?
Mit Puffer für Sicherheitskontrolle und Passprüfung, an großen Bahnhöfen und zu Feiertagen deutlich mehr. Die Gates schließen einige Minuten vor der Abfahrt, danach ist kein Einstieg mehr möglich.
Lohnt sich der Nachtzug in China noch?
Auf langen Strecken ja. Er spart eine Hotelnacht und bringt morgens ans Ziel, etwa zwischen Peking und Xi'an. Die Vier-Bett-Kabinen sind bequem, Schlafplätze sind allerdings rasch ausgebucht.
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