Im März 1974 gruben Bauern im Kreis Lintong östlich von Xi’an einen Brunnen, weil die Region unter Trockenheit litt. In einigen Metern Tiefe stießen sie auf Scherben aus gebranntem Ton, auf einen Kopf, auf Bronzespitzen von Pfeilen. Die Archäologen, die bald danach kamen, erkannten, dass es sich um Teile lebensgroßer Figuren handelte, und dass sie zu einer Grabanlage gehörten, deren Hauptgrab etwa anderthalb Kilometer weiter westlich unter einem bewaldeten Hügel liegt: dem Grab von Qin Shihuang, dem Herrscher, der 221 v. Chr. die streitenden Staaten zu einem Reich vereinte und sich als Erster „Kaiser“ nannte.
Die Terrakotta-Armee gehört seit 1987 als Teil des Mausoleums des ersten Qin-Kaisers zum Weltkulturerbe. Sie ist der Grund, warum Xi’an auf fast jeder ersten China-Route steht, meist zwischen Peking und Shanghai. Die Stadt hat aber mehr zu bieten als einen Ausflug nach Lintong, und wer ihr zwei oder drei Tage gibt, versteht mehr von der Geschichte des Landes als nach einer Woche in den Küstenstädten.
Vor der Reise: Jahreszeit, Dauer, Anreise
Xi’an liegt in der Provinz Shaanxi, im Tal des Wei-Flusses, eines Nebenflusses des Gelben Flusses. Das Klima ist kontinental: heiße Sommer, kalte und trockene Winter, im Frühling gelegentlich Staub aus dem Nordwesten. Die angenehmsten Monate sind April, Mai, September und Oktober. Im Winter ist die Luft oft schlecht, dafür sind die Hallen der Terrakotta-Armee leerer.
Von Peking und Shanghai fahren Schnellzüge nach Xi’an Nord, die Fahrt von Peking dauert wenige Stunden. Das ist meist bequemer als ein Flug, weil der Bahnhof näher an der Stadt liegt als der Flughafen Xianyang. Auch von Chengdu und weiter von Lanzhou kommt man mit dem Schnellzug; wie Tickets gekauft werden, erklärt die Seite zum Zugfahren in China. Eine Route, die Xi’an mit Peking, Shanghai und Guilin verbindet, beschreibt die Beispielroute für 14 Tage.
Zwei volle Tage sind das Minimum, drei sind angenehmer. Die Terrakotta-Armee braucht einen Tag für sich, die Stadt einen zweiten.
Die Terrakotta-Armee: was man sieht
Die Anlage in Lintong besteht aus drei überdachten Gruben und einem Museumsbau. Grube 1 ist die größte und die, deren Foto jeder kennt: eine riesige Halle, in der die Soldaten in Reihen stehen, in Gräben zwischen Erdwällen, nach Osten ausgerichtet. Im hinteren Teil sieht man, wie die Figuren gefunden wurden, zerbrochen und umgestürzt, weil die Holzdecke der Gruben einbrach, vermutlich schon kurz nach dem Tod des Kaisers, als Aufständische die Anlage plünderten und in Brand setzten. Hier arbeiten Restauratoren, die Scherbe für Scherbe zusammensetzen.
Grube 2 enthält Bogenschützen, Reiter mit Pferden und Streitwagen, in einer Aufstellung, die viel über die Militärorganisation der Qin verrät. Hier stehen auch einige Figuren in Vitrinen, die man aus der Nähe betrachten kann, darunter ein kniender Bogenschütze, bei dem Reste der ursprünglichen Bemalung erhalten sind. Grube 3 ist die kleinste und wird als Kommandostand gedeutet.
Die Figuren waren ursprünglich farbig bemalt. Die Farbe löste sich beim Kontakt mit Luft und Licht fast sofort ab, ein Grund, warum die Ausgrabung sehr langsam voranschreitet. Jede Figur hat ein eigenes Gesicht, eigene Frisur, eigene Details an Rüstung und Schuhen. Hergestellt wurden sie aus Standardteilen, die in Werkstätten geformt und dann individuell nachbearbeitet wurden. Auf manchen Figuren haben Archäologen Namen von Werkstattmeistern gefunden.
Das Museum zeigt die beiden Bronzewagen, die 1980 westlich des Grabhügels gefunden wurden: verkleinerte Nachbildungen eines kaiserlichen Gespanns mit Pferden, Wagenlenker und Baldachin, aus Tausenden von Einzelteilen gefertigt. Viele Besucher übersehen sie, weil sie nach Grube 1 schon müde sind. Das ist ein Fehler. Die Wagen sind das technisch erstaunlichste Stück der ganzen Anlage.
Das Grab des Kaisers
Der Grabhügel selbst liegt in einem Park und ist nicht geöffnet. Der Historiker Sima Qian beschrieb etwa ein Jahrhundert nach dem Tod des Kaisers eine unterirdische Palastanlage mit Flüssen aus Quecksilber und Armbrüsten als Fallen. Messungen im Boden über dem Hügel haben erhöhte Quecksilberwerte ergeben, was die Beschreibung zumindest nicht widerlegt. Ob und wann das Grab ausgegraben wird, ist offen; bisher überwiegt die Sorge, dass man zerstört, was man zu bergen versucht.
Um den Hügel herum wurden weitere Gruben gefunden, mit Figuren von Akrobaten, Beamten und Wasservögeln aus Bronze. Nicht alle sind zugänglich, einige werden in einem Museumsteil am Grab gezeigt.
Ein Umweg über Huaqing
Unweit der Terrakotta-Armee liegt am Fuß des Berges Li der Palast der heißen Quellen von Huaqing. In der Tang-Zeit badete hier der Kaiser Xuanzong mit der Konkubine Yang Guifei, deren Geschichte in Gedichten und Opern bis heute erzählt wird. Im Dezember 1936 wurde an demselben Ort Chiang Kai-shek von eigenen Generälen festgesetzt, um ihn zu einem Bündnis mit den Kommunisten gegen Japan zu zwingen. Der Vorfall ging als Xi’an-Zwischenfall in die Geschichte ein. Ein Einschussloch im Fenster eines Pavillons wird bis heute gezeigt. Wer in Lintong ist, kann die beiden Orte verbinden: den Beginn des chinesischen Kaiserreichs am Vormittag und einen Wendepunkt des 20. Jahrhunderts am Nachmittag.
Die Stadt: Stadtmauer, Glocken- und Trommelturm
Xi’an hieß als Hauptstadt der Han- und der Tang-Dynastie Chang’an und war in der Tang-Zeit eine der größten Städte der Welt. Von dieser Stadt ist über der Erde wenig übrig. Die heutige Stadtmauer stammt aus der frühen Ming-Zeit, ist knapp 14 Kilometer lang und vollständig erhalten. Man kann sie auf ihrer ganzen Länge begehen oder mit dem Fahrrad befahren; Leihräder gibt es an den Aufgängen. Die Runde mit dem Rad dauert einige Stunden, eignet sich am späten Nachmittag und gibt einen guten Überblick darüber, wie die Stadt innerhalb und außerhalb der Mauer gewachsen ist.
Im Zentrum der ummauerten Stadt stehen der Glockenturm und der Trommelturm, beide aus der Ming-Zeit. Abends sind sie beleuchtet und stehen mitten im Kreisverkehr.
Das Muslimische Viertel
Hinter dem Trommelturm beginnt das Viertel der Hui, chinesischsprachiger Muslime, deren Vorfahren über die Seidenstraße kamen. Die Hauptgassen sind abends voller Menschen und Garküchen: Lammspieße, Roujiamo, das in einem Fladenbrot servierte Schmorfleisch, Liangpi, kalte Nudeln aus Weizen- oder Reisstärke, und Yangrou Paomo, eine Suppe, in die man vorher selbst Fladenbrot zerbröckelt. Die Biangbiang-Nudeln, breit wie Gürtel, haben ein Schriftzeichen, das zu den kompliziertesten der chinesischen Schrift gehört. Mehr zur regionalen Küche steht auf der Seite zum chinesischen Essen.
In einer Nebengasse liegt die Große Moschee, eine der ältesten Chinas. Die heutigen Gebäude stammen überwiegend aus der Ming-Zeit und sehen aus wie ein chinesischer Tempel, mit Höfen, Pavillons und einer Pagode als Minarett. Nichtmuslime dürfen die Höfe betreten, der Gebetssaal bleibt ihnen verschlossen. Dezente Kleidung ist angebracht. Das Nebeneinander der Religionen in China beschreibt die Seite zu den Religionen Chinas.
Die Große Wildganspagode und die Museen
Die Große Wildganspagode im Süden der Stadt wurde 652 errichtet, um die buddhistischen Schriften aufzunehmen, die der Mönch Xuanzang von seiner Pilgerfahrt nach Indien mitgebracht hatte. Seine Reise ist die Vorlage für den klassischen Roman „Die Reise nach Westen“, in dem ein Affenkönig den Mönch begleitet. Die Pagode wurde mehrfach umgebaut und neigt sich leicht. Sie gehört zusammen mit der kleineren Kleinen Wildganspagode zur Welterbestätte der Seidenstraße, dem Korridor zwischen Chang’an und dem Tianshan-Gebirge, der 2014 eingetragen wurde.
Das Shaanxi-Geschichtsmuseum in der Nähe der Pagode ist eines der besten Museen Chinas. Es zeigt Funde aus der Provinz von der Steinzeit bis zur Tang-Dynastie, darunter Terrakottafiguren, Goldschmiedearbeiten und Wandmalereien aus Tang-Gräbern. Wer nur ein Museum besucht, nimmt dieses. Der Andrang ist groß, eine Reservierung mit Passnummer ist oft nötig. Aktuelle Öffnungszeiten und Bedingungen vorab beim Museum prüfen.
Der Stelenwald, ein Museum in einem ehemaligen Konfuziustempel an der Südmauer, bewahrt Steintafeln mit klassischen Texten, Kalligrafie und Inschriften, darunter die nestorianische Stele von 781, die von der frühen Anwesenheit des Christentums in China berichtet. Für Leser ohne Chinesischkenntnisse ist er weniger zugänglich als das Geschichtsmuseum, aber als Ort sehr ruhig.
Der Beginn der Seidenstraße
Von Chang’an aus brachen im 2. Jahrhundert v. Chr. die Gesandtschaften des Zhang Qian nach Westen auf, und von hier gingen später die Karawanen mit Seide, Tee und Porzellan über den Hexi-Korridor nach Dunhuang und weiter nach Zentralasien. Umgekehrt kamen Pferde, Glas, Gewürze und Religionen nach China, darunter der Buddhismus und der Islam. Die Seidenstraße war nie eine einzige Straße, sondern ein Netz von Routen, das sich mit den politischen Verhältnissen verschob.
Wer der Route folgen will, fährt mit dem Zug nach Lanzhou und weiter durch Gansu nach Jiayuguan am westlichen Ende der Ming-Mauer und nach Dunhuang mit den Mogao-Grotten. Das ist eine eigene Reise von mindestens einer Woche. Über die verschiedenen Abschnitte der Mauer informiert die Seite zur Chinesischen Mauer.
Abstecher: Luoyang, Longmen und Shaolin
Östlich von Xi’an, mit dem Schnellzug gut erreichbar, liegt Luoyang, eine weitere alte Hauptstadt. Südlich der Stadt ziehen sich die Longmen-Grotten an beiden Ufern des Yi-Flusses entlang, Zehntausende buddhistische Figuren in Höhlen und Nischen aus der Zeit der Nördlichen Wei- bis zur Tang-Dynastie. Die Hauptfigur, ein großer Vairocana-Buddha, soll nach der Überlieferung Züge der Kaiserin Wu Zetian tragen. Die Grotten sind seit 2000 Weltkulturerbe. In Luoyang steht außerdem der Tempel des Weißen Pferdes, der als erster buddhistischer Tempel Chinas gilt.
Noch weiter östlich liegt am Song Shan bei Dengfeng das Shaolin-Kloster, bekannt als Ursprungsort des Chan-Buddhismus und für seine Kampfkunst. Das Kloster ist heute stark touristisch, mit Vorführungen und vielen Kampfkunstschulen in der Umgebung. Der Pagodenwald, ein Friedhof mit Grabpagoden von Mönchen aus vielen Jahrhunderten, lohnt den Besuch trotzdem. Die historischen Bauten von Dengfeng einschließlich Shaolin sind seit 2010 Welterbe. Wer Kampfkunst lieber auf der Bühne sieht, findet Hinweise auf der Seite zu Oper, Akrobatik und Kung-Fu-Shows.
Hua Shan: der Berg für einen dritten Tag
Östlich von Xi’an, mit Schnellzug oder Auto gut an einem Tag erreichbar, erhebt sich der Hua Shan, der westliche der fünf heiligen Berge des Daoismus. Er besteht aus steilen Granitgipfeln, auf die in Fels gehauene Treppen und Pfade mit Ketten führen. Seilbahnen nehmen den größten Teil des Aufstiegs ab, der Weg zwischen den Gipfeln bleibt dennoch anstrengend. Bekannt ist ein schmaler Bretterweg an einer Felswand, den man nur mit Klettergurt betreten darf. Der Berg ist nichts für Menschen mit Höhenangst, aber ein starker Kontrast zu den Museen der Stadt. Auf chinesischen Wanderwegen wie diesem geht man selten allein; mehr zur Wanderkultur in China steht auf der Seite zum Wandern in China.
Unterwegs in Xi’an
Die Metro verbindet Bahnhof, Stadtzentrum, Wildganspagode und Flughafen. Zur Terrakotta-Armee fahren Linienbusse ab dem alten Bahnhof, dazu Taxis und Fahrdienste; inzwischen gibt es auch eine Metrolinie in Richtung Lintong. Vor dem Bahnhof sprechen Schlepper Reisende an und bieten Fahrten zur Armee an, die dann über Souvenirfabriken führen. Man ignoriert sie freundlich und steigt in einen der regulären Busse.
Am Eingang der Terrakotta-Armee bieten Führer ihre Dienste an. Wer ohne Führung geht, sollte vorher über die Geschichte lesen oder einen Audioguide nehmen, sonst bleibt Grube 2 ein Rätsel. Und wer sein Foto von Grube 1 ohne Menschenmenge vor der Linse will, geht zuerst in diese Halle, direkt nach Einlass, bevor die Gruppen ankommen, die meist mit dem Museum beginnen.
FAQHäufige Fragen
Wie viel Zeit braucht man für die Terrakotta-Armee?
Für die drei Gruben und das Museum mit den Bronzewagen rechnet man einen halben Tag vor Ort, dazu die Anfahrt in den Bezirk Lintong östlich der Stadt. Wer das Grab des Kaisers und die heißen Quellen von Huaqing dazunimmt, braucht einen ganzen Tag.
Muss man Tickets für die Terrakotta-Armee vorab reservieren?
In der Hochsaison und an Feiertagen empfiehlt sich eine Reservierung, die meist den Reisepass verlangt. Aktuelle Bedingungen, Öffnungszeiten und Eintrittspreise vor dem Besuch beim Betreiber prüfen.
Wie viele Tage sollte man für Xi'an einplanen?
Zwei volle Tage sind das Minimum: einer für die Terrakotta-Armee, einer für Stadtmauer, Muslimisches Viertel, Wildganspagode und das Shaanxi-Geschichtsmuseum. Mit einem dritten Tag lassen sich der Berg Hua Shan oder weitere Kaisergräber besuchen.
Wie kommt man von Peking nach Xi'an?
Am bequemsten mit dem Schnellzug, der die Strecke in wenigen Stunden zurücklegt und im Bahnhof Xi'an Nord ankommt. Alternativ gibt es viele Inlandsflüge zum Flughafen Xianyang. Mehr zum Bahnfahren steht auf der Seite zum Zugfahren in China.
Ist das Grab des Kaisers selbst geöffnet worden?
Nein. Der Grabhügel des Qin Shihuang ist bis heute nicht ausgegraben. Chinesische Archäologen halten die Konservierung dessen, was darin liegen könnte, derzeit nicht für gesichert und haben bisher auf eine Öffnung verzichtet.
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