Der Jianbing-Stand an der Straßenecke hat schon offen, wenn die ersten Busse noch halb leer fahren. Auf einer runden Eisenplatte verteilt die Verkäuferin einen dünnen Teig aus Mungbohnen- und Weizenmehl, schlägt ein Ei darüber, streut Frühlingszwiebeln und Koriander, legt ein Stück knuspriges Frittiertes hinein, bestreicht alles mit süßlich-scharfer Soße und faltet den Fladen in eine Papiertüte. Bezahlt wird, indem man das Handy an einen laminierten QR-Code hält, der an einer Stange neben dem Herd baumelt. Die ganze Szene dauert keine zwei Minuten und enthält schon fast alles, was den Alltag in chinesischen Städten für Reisende ausmacht: Essen auf der Straße, Tempo, Menschenmengen und ein Telefon, ohne das kaum etwas geht.
Was frühstückt man in China auf der Straße?
Frühstück ist in China selten eine Sache des eigenen Küchentischs. Wer in einer Stadt wohnt, kauft es auf dem Weg zur Arbeit und isst im Gehen, im Bus oder am Schreibtisch. Die Auswahl hängt stark von der Region ab. In Peking und Tianjin sind Jianbing guozi und gedämpfte Baozi mit Fleisch- oder Gemüsefüllung verbreitet, dazu Youtiao, lange frittierte Teigstangen, die man in warme Sojamilch tunkt. In Shanghai sprechen die Leute von den “vier Himmelskönigen” des Frühstücks: Fladenbrot, Youtiao, Klebreisrolle und Sojamilch. In Wuhan heißt das Frühstücken schlicht “guo zao”, und das bekannteste Gericht dazu sind Reganmian, heiße, trockene Nudeln mit Sesampaste. Im Süden, besonders in Guangzhou und Hongkong, verabredet man sich zum Morgentee mit kleinen Dim-Sum-Portionen, oft für Stunden.
Hotelfrühstücke in Mittelklassehäusern kopieren diese Straßenküche erstaunlich genau: Reisbrei mit eingelegtem Gemüse, gedämpfte Brötchen, gebratene Nudeln, dazu Toast und Spiegelei für ausländische Gäste. Wer die echte Variante probieren will, geht einfach dorthin, wo morgens eine Schlange steht. Eine lange Schlange ist in China fast immer ein gutes Zeichen, denn sie bedeutet frische Ware und hohen Umschlag. Mehr zu regionalen Küchen, Tischsitten und dem Bestellen ohne Chinesischkenntnisse steht im Beitrag über chinesisches Essen.
Warum sind die Parks am frühen Morgen so voll?
Ein Park in einer chinesischen Stadt sieht um sieben Uhr morgens völlig anders aus als am Nachmittag. Im Tiantan-Park rund um den Himmelstempel in Peking üben Gruppen Taijiquan in weißen Seidenanzügen, daneben schwingt eine Frau zwei rote Fächer, ein paar Schritte weiter kicken ältere Männer einen gefiederten Federball im Kreis, ohne dass er je den Boden berührt. Unter einem Pavillon singt ein Chor revolutionäre Lieder und Volksweisen, begleitet von einer Erhu, der zweisaitigen Geige. Auf dem Pflaster malt ein Rentner mit einem langen Schwammpinsel und klarem Wasser Schriftzeichen, die nach wenigen Minuten wieder verdunsten.
Diese öffentliche Freizeit hat mit dem Wohnen zu tun. Viele Wohnungen sind klein, und wer in Rente ist, verbringt den Tag lieber draußen unter Gleichaltrigen. Der Park ist Wohnzimmer, Fitnessstudio und Nachrichtenbörse in einem. Besucher dürfen zuschauen und werden bei den Tanzgruppen manchmal sogar zum Mitmachen gewinkt. Fotografieren ist in der Regel kein Problem, ein kurzer Blickkontakt oder eine fragende Geste mit der Kamera gehört aber dazu.
Am Abend kommt der Guangchang wu, der Platztanz. Auf Plätzen vor Einkaufszentren, an Uferpromenaden und in Wohnanlagen tanzen Dutzende, meist Frauen mittleren und höheren Alters, in Reihen zu Musik aus einem tragbaren Lautsprecher. Die Choreografien sind einfach und wiederholen sich, wer zwei Abende hintereinander kommt, kann die Schritte. Über die Lautstärke gibt es in chinesischen Städten seit Jahren Streit mit Anwohnern, und manche Kommunen haben Zeiten und Pegel geregelt.
Eine Besonderheit, die mit Sport nichts zu tun hat, findet sich im Volkspark in Shanghai. Am Wochenende hängen dort an Schirmen und Schnüren Hunderte Zettel mit Alter, Größe, Beruf und Ausbildung unverheirateter Söhne und Töchter. Die Eltern stehen daneben und verhandeln miteinander, die Kinder selbst sind meist nicht dabei. Der sogenannte Heiratsmarkt ist inzwischen auch ein Ausflugsziel, doch für die Beteiligten ist er ernst gemeint, und Kameras werden dort nicht immer gern gesehen.
Wie weit kommt man mit dem Handy statt mit Bargeld?
Sehr weit. In chinesischen Städten bezahlen die meisten Menschen fast alles mit Alipay oder WeChat Pay: die Nudelsuppe, das Taxi, den Eintritt in einen Park, die Fahrt mit dem Leihrad. Kleine Händler haben oft gar kein Wechselgeld in der Kasse, und wer einen großen Schein hinlegt, sorgt gelegentlich für Ratlosigkeit. Gesetzlich muss Bargeld angenommen werden, praktisch ist das Handy schneller.
Für Reisende ist das eine Umstellung, aber keine Hürde mehr. Beide Apps lassen sich mit einer ausländischen Kreditkarte verknüpfen. Für Zahlungen mit einer solchen Karte gelten eigene Gebührenregeln.
Die Einrichtung sollte vor der Abreise erledigt sein, solange zu Hause noch ein stabiles Netz und eine deutsche SIM-Karte für die Bestätigungs-SMS verfügbar sind. Alles Weitere zu Bargeld, Karten und Apps behandelt der Beitrag Bezahlen in China. Eine kleine Reserve an Yuan-Scheinen schadet trotzdem nicht, etwa für Dorfmärkte, kleine Tempel oder den Moment, in dem der Akku leer ist.
Metro, Bus und Warteschlange: was im Nahverkehr anders ist
Wer in Peking, Shanghai, Guangzhou oder Chengdu die Metro betritt, geht zuerst durch eine Sicherheitskontrolle. Taschen kommen auf ein Band und durch ein Röntgengerät, manchmal wird eine Wasserflasche kurz geöffnet oder an einen Scanner gehalten. Das ist Routine und kein Grund zur Sorge. In der Rushhour bilden sich vor den Geräten Schlangen, weshalb man in den Stoßzeiten ein paar Minuten mehr einplanen sollte.
An den Sperren funktioniert in vielen großen Städten der Fahrcode aus Alipay oder einer städtischen Verkehrs-App, alternativ gibt es Automaten für Einzelfahrkarten. Auf den Bahnsteigen markieren aufgemalte Pfeile, wo man wartet und wo die Aussteigenden durchgehen sollen. Im Berufsverkehr wird trotzdem geschoben, und wer zögert, bleibt draußen. Unhöflich gemeint ist das selten; es ist schlicht die Physik einer Stadt mit vielen Millionen Pendlern.
Sitzplätze für Ältere, Schwangere und Menschen mit Kind sind gekennzeichnet und werden meist auch freigemacht. Laut telefoniert und Videos ohne Kopfhörer angeschaut wird dagegen häufig, obwohl viele Städte das in ihren Beförderungsregeln inzwischen untersagen. Essen in der Metro ist in mehreren Städten ebenfalls verboten. Für Taxis und Fahrdienste sowie für Navigation ohne Google gibt es eigene Apps, beschrieben im Beitrag zu Amap, Didi und Metro-Apps. Für längere Strecken ist die Bahn das Verkehrsmittel des Alltags, nicht das Flugzeug.
Mittagspause, “996” und verschobene Wochenenden
Der Arbeitstag in chinesischen Städten beginnt früh und endet spät, mit einer deutlichen Pause in der Mitte. Zwischen etwa zwölf und vierzehn Uhr gehen Büroangestellte essen, und viele legen danach den Kopf für eine halbe Stunde auf den Schreibtisch oder klappen eine Liege neben dem Arbeitsplatz aus. Behörden, Bankschalter und kleinere Geschäfte außerhalb der Einkaufsviertel sind in dieser Zeit oft geschlossen. Wer ein Anliegen bei einer Polizeidienststelle oder einer Bank hat, erledigt es besser am Vormittag.
Gesetzlich gilt eine Arbeitswoche von fünf Tagen. In der Praxis arbeiten gerade in der Technologiebranche und in privaten Firmen viele deutlich länger. Das Kürzel “996”, neun Uhr morgens bis neun Uhr abends an sechs Tagen, wurde vor einigen Jahren zum Schlagwort einer öffentlichen Debatte über Überstunden. Für Reisende hat das eine praktische Seite: Restaurants, Einkaufszentren und Friseure haben bis in den späten Abend offen, weil ihre Kundschaft erst dann Zeit hat.
Ungewohnt ist das System der verschobenen Arbeitstage. Um lange Feiertagsblöcke zu schaffen, werden vor oder nach dem Frühlingsfest und der Goldenen Woche im Oktober Samstage oder Sonntage zu regulären Arbeitstagen erklärt. Wer an einem solchen Wochenende ein Museum besucht, trifft auf den Betrieb eines normalen Werktags, und wer die Feiertagswoche selbst erwischt, steht in vollen Zügen und an übervollen Sehenswürdigkeiten. Die Feste und Feiertage des Jahres sind im Festkalender beim Laternenfest aufgeführt.
Ein letzter Punkt zum Tagesrhythmus betrifft die Uhr. Ganz China richtet sich nach einer einzigen Zeit.
Im Osten geht deshalb die Sonne früh auf, in Xinjiang dagegen sehr spät. In Kashgar oder Urumqi beginnen Läden und Büros darum später, und viele Uiguren verabreden sich im Alltag nach einer inoffiziellen Ortszeit, die zwei Stunden hinter der Pekinger Zeit liegt. Bei Zugfahrkarten und Flugplänen gilt immer die offizielle Zeit.
Heißes Wasser, laute Gespräche und direkte Fragen
Manches im chinesischen Alltag wirkt auf Europäer zuerst befremdlich und hat einfache Gründe. Heißes Wasser ist überall: In Hochgeschwindigkeitszügen und auf Bahnhöfen stehen Spender mit abgekochtem Wasser, im Hotelzimmer ein Wasserkocher, im Restaurant kommt ungefragt eine Kanne mit warmem Wasser oder dünnem Tee auf den Tisch. Kalte Getränke gelten vielen als schlecht für den Magen. Leitungswasser trinkt niemand ungekocht, und das sollten Reisende auch nicht tun.
Gespräche in Restaurants und auf der Straße sind oft laut. Ein lebhafter, voller Raum, auf Chinesisch “renao”, gilt als angenehm, nicht als störend. Stille in einem Restaurant ist eher ein schlechtes Zeichen.
Direkte Fragen nach Alter, Familienstand, Kindern oder sogar Gehalt kommen häufig und sind als Interesse gemeint, nicht als Übergriff. Eine freundliche, vage Antwort reicht völlig. Umgekehrt wird Kritik in der Öffentlichkeit, besonders an einer Person vor anderen, als peinlich empfunden. Wie Gastgeschenke, Einladungen, Visitenkarten und Verhandlungen funktionieren, beschreibt der Beitrag zu Sitten und Verhandlungsregeln. Wer merkt, dass ihn diese Unterschiede nach einigen Tagen stärker belasten als erwartet, findet Hilfe im Artikel über den Kulturschock in China.
Wo Religion, Feste und Bühne im Alltag auftauchen
Der Alltag in China ist sehr modern und zugleich voller Spuren älterer Traditionen. In einem Hochhausviertel steht neben dem Lieferdepot ein kleiner Schrein für den Erdgott, im Taxi baumelt ein Amulett mit einem Bild des Kriegsgottes Guan Yu, und im Laden eines Obsthändlers brennen Räucherstäbchen vor einer Figur des Reichtumsgottes. Kaum jemand würde sich dabei als religiös bezeichnen, und doch gehören solche Gesten selbstverständlich dazu. Wie Buddhismus, Daoismus, Konfuzianismus und Volksglaube ineinandergreifen und wie man sich in einem Tempel verhält, erklärt der Überblick über die Religionen Chinas.
Das Jahr gliedert sich nach dem Mondkalender. Zum Frühlingsfest leeren sich die Städte, weil Hunderte Millionen Menschen in ihre Heimatorte fahren, zum Qingming-Fest pflegen Familien die Gräber, und zum Mondfest verschenkt man Mondkuchen in aufwendigen Schachteln. In den Wochen davor sieht man die Vorbereitungen überall, von der Dekoration in der Metro bis zu den Sonderangeboten im Supermarkt.
Auch die Bühnenkünste sind näher am Alltag, als man denkt. Im Park proben Laiensänger Arien aus der Peking-Oper, und in Chengdu unterhalten Masken wechselnde Darsteller die Gäste mancher Hotpot-Restaurants. Wer eine Vorstellung in einem richtigen Theater sehen will, findet im Beitrag über Peking-Oper, Akrobatik und Kung-Fu-Shows die wichtigsten Formen erklärt.
Lieferdienste und die kleinen Dinge, die den Aufenthalt erleichtern
Kaum etwas prägt das Straßenbild so sehr wie die Kuriere auf Elektrorollern, in gelben oder blauen Jacken, je nach Plattform. Essen, Medikamente, Getränke und sogar ein Ladekabel kommen innerhalb kurzer Zeit an jede Adresse. Die großen Plattformen Meituan und Ele.me setzen allerdings eine chinesische Telefonnummer oder zumindest eine funktionierende Einbindung in Alipay oder WeChat voraus, und die Menüs sind nur auf Chinesisch. Mit einer Übersetzungsfunktion auf dem Handy gelingt eine Bestellung trotzdem oft.
Viele Hotels nehmen Lieferungen an der Rezeption an und haben dafür einen eigenen Tisch oder ein Regal. In manchen Häusern übernimmt ein kniehoher Lieferroboter die letzten Meter, fährt allein mit dem Aufzug und ruft auf dem Zimmertelefon an, wenn er vor der Tür steht.
FAQHäufige Fragen
Kommt man in China im Alltag ohne Bargeld aus?
In Städten fast immer. Restaurants, Garküchen, Taxis und die Metro akzeptieren QR-Zahlung über Alipay oder WeChat Pay. Etwas Bargeld in Yuan für Märkte auf dem Land, kleine Tempel oder einen leeren Akku bleibt trotzdem sinnvoll. Wie die Apps mit einer ausländischen Karte eingerichtet werden, erklärt Alipay als Tourist einrichten.
Warum wird in chinesischen Restaurants heißes Wasser serviert?
Warmes oder heißes Wasser gilt vielen Chinesen als bekömmlicher als kaltes Wasser, besonders zum Essen. Wer ein kaltes Getränk möchte, bestellt es ausdrücklich. Leitungswasser ist nicht zum Trinken gedacht, abgekochtes Wasser aus den Spendern an Bahnhöfen und in Zügen dagegen schon.
Wann haben Geschäfte und Restaurants in China geöffnet?
Einkaufsstraßen und Malls haben meist bis in den späten Abend offen, Garküchen oft schon ab dem frühen Morgen. Behörden und Banken machen dagegen eine lange Mittagspause. Konkrete Öffnungszeiten schwanken stark und sind vor Ort oder in der Karten-App zu prüfen.
Ist es normal, dass in der Metro das Gepäck durchleuchtet wird?
Ja. In den großen Städten laufen Taschen und Rucksäcke an jedem Metro-Eingang durch ein Röntgengerät, ähnlich wie am Flughafen. Das dauert meist nur Sekunden. Flüssigkeiten werden gelegentlich einzeln geprüft.
Warum wird manchmal am Wochenende gearbeitet?
Rund um lange Feiertage wie das Frühlingsfest oder die Goldene Woche im Oktober verschiebt der Staat Arbeitstage auf Samstage oder Sonntage, damit mehrere freie Tage am Stück entstehen. An diesen Wochenenden haben Ämter und Büros geöffnet, dafür ist die Woche des Feiertags selbst frei.
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