Anfang April stehen an den Ausfallstraßen chinesischer Städte Händler mit Eimern voller weißer und gelber Chrysanthemen, daneben Stapel von gebündeltem Papiergeld, Papierhäusern, Papierautos und neuerdings auch Smartphones aus Pappe. Die Busse zu den großen Friedhöfen am Stadtrand fahren im Minutentakt, und auf den Hügeln dahinter sieht man Familien mit Besen, Eimern und Picknickdecken zwischen den Grabreihen. Qingming, im Deutschen oft Totenfest genannt, ist der Tag, an dem man die Ahnen besucht. Es ist zugleich ein Frühlingsfest, und dieser Doppelcharakter macht es für Außenstehende auf den ersten Blick schwer zu verstehen.
Was bedeutet Qingming?
Qingming heißt “klares Licht” und ist ursprünglich der Name eines Sonnenabschnitts. Der traditionelle Bauernkalender teilt das Jahr in 24 solcher Abschnitte, die sich nach dem Stand der Sonne richten, nicht nach dem Mond. Qingming beginnt etwa zwei Wochen nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche und markiert die Zeit, in der es wärmer wird, der Himmel aufklart und die Aussaat beginnt. Deshalb liegt das Fest im westlichen Kalender immer in den ersten Apriltagen, während die meisten anderen chinesischen Feste von Jahr zu Jahr wandern. Den genauen Tag für die kommenden Jahre zeigt der Festkalender auf der Seite zum Laternenfest.
Das Fest hat mit einem älteren Brauch verschmolzen, dem Hanshi, dem Fest der kalten Speisen. An diesem Tag durfte kein Feuer gemacht werden, und gegessen wurde nur, was am Vortag gekocht worden war. Seine Legende erzählt von Jie Zitui, einem treuen Gefolgsmann des Prinzen Chong’er im Staat Jin, im 7. Jahrhundert v. Chr. Als der Prinz im Exil hungerte, soll Jie Zitui ihm aus dem eigenen Oberschenkel ein Stück Fleisch geschnitten und eine Suppe gekocht haben. Als Chong’er später Herzog wurde, belohnte er alle Begleiter, vergaß aber Jie Zitui, der sich mit seiner Mutter in die Berge zurückzog.
Der Herzog wollte ihn zurückholen und ließ den Wald anzünden, um ihn herauszutreiben. Jie Zitui kam nicht heraus. Man fand ihn und seine Mutter tot unter einer Weide. Aus Reue verbot der Herzog an diesem Tag jedes Feuer. Der Berg Mianshan in der Provinz Shanxi, bei der Stadt Jiexiu, wird mit dieser Geschichte verbunden und ist heute ein Ausflugsziel mit Tempeln an steilen Felswänden. Die Weidenzweige, die man zu Qingming an Türen steckt oder sich ins Haar flicht, gehen nach einer Deutung ebenfalls auf die Legende zurück.
Gräberfegen: was an diesem Tag geschieht
Der wichtigste Brauch heißt saomu, Gräberfegen. Die Familie fährt gemeinsam zum Grab der Eltern, Großeltern und manchmal weiterer Vorfahren. Man zupft Unkraut, fegt die Grabplatte, wischt den Stein ab und frischt die eingemeißelten Schriftzeichen mit roter Farbe auf. Dann werden Opfergaben aufgestellt: Obst, gekochtes Fleisch, Reis, Schnaps, Tee und manchmal das Lieblingsgericht des Verstorbenen. Man zündet Räucherstäbchen an, verbeugt sich oder kniet, und oft erzählt jemand dem Verstorbenen, was im vergangenen Jahr in der Familie geschehen ist.
Dazu wird Papiergeld verbrannt, das Geld der Unterwelt, bedruckt mit fantastischen Summen und dem Bild eines Jadekaisers. Der Rauch soll den Toten im Jenseits Wohlstand bringen. Die Auswahl an Papieropfern ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen: Villen, Autos, Kreditkarten, Handys und Kosmetik aus Papier, alles zum Verbrennen. Manche Behörden kritisieren das als Aberglauben und Verschwendung, und viele Städte haben das Verbrennen im öffentlichen Raum verboten oder auf eigens aufgestellte Öfen auf den Friedhöfen beschränkt.
Die Wurzeln des Gräberfegens liegen in der Ahnenverehrung, die mit der konfuzianischen Pflicht zur kindlichen Pietät eng verbunden ist. Wer die Gräber der Eltern verkommen lässt, gilt als pflichtvergessen. Mehr zu diesem Denken steht auf der Seite über Konfuzius und den Konfuzianismus, und wie Ahnenkult, Buddhismus und Daoismus ineinandergreifen, erklärt der Überblick über die Religionen Chinas.
Neben den privaten Gräbern gibt es auch öffentliche Formen. Schulklassen und Delegationen besuchen zu Qingming die Friedhöfe und Denkmäler für Revolutionsmärtyrer und legen Kränze nieder. In den letzten Jahren haben sich zudem digitale Formen verbreitet: Gedenkseiten im Internet, auf denen man virtuell Blumen niederlegt, und Friedhöfe, die das Grabfegen gegen Bezahlung übernehmen und ein Video davon schicken, wenn die Familie zu weit weg wohnt.
Wie sich das Gedenken verändert
Das Gräberfegen setzt eigentlich ein Grab auf dem Land voraus, einen Hügel im Familienacker oder am Hang über dem Dorf. So war es über Jahrhunderte, und in vielen ländlichen Regionen ist es bis heute so. In den Städten dagegen ist die Erdbestattung seit Jahrzehnten weitgehend durch die Feuerbestattung ersetzt. Die Urnen stehen in Kolumbarien oder in kleinen Gräbern auf großen Friedhofsanlagen am Stadtrand, dicht an dicht, und Grabplätze in Städten wie Shanghai oder Peking gehören zu den teuersten Quadratmetern, die es gibt.
Die Behörden werben deshalb für platzsparende Formen: Seebestattung, Baumbestattung, Urnen unter einer Wiese ohne Grabstein. Manche Städte bezuschussen solche Beisetzungen. Für viele ältere Menschen ist das schwer vorstellbar, denn ohne Grab fehlt der Ort, an dem man zu Qingming die Ahnen besucht. Die jüngere Generation ist offener, und die Onlinegedenkseiten sind auch ein Versuch, das Fest von einem bestimmten Ort zu lösen.
Qingming ist auch ein Datum der jüngeren Geschichte. Im April 1976 legten Hunderttausende am Tiananmen-Platz Kränze und Gedichte für den im Januar verstorbenen Premier Zhou Enlai nieder. Als die Behörden die Kränze entfernen ließen, kam es zu Protesten, die gewaltsam aufgelöst wurden. Das Ereignis ging als erster Tiananmen-Zwischenfall in die Geschichte ein und wurde nach dem Ende der Kulturrevolution offiziell rehabilitiert.
Frühlingsausflug, Drachen und Qingtuan
Die zweite Hälfte des Festes ist heiter. Qingming ist auch ein Tag für den taqing, den “Gang auf das grüne Gras”, den Frühlingsausflug. Nach dem Besuch am Grab picknickt man im Freien, lässt Drachen steigen, schaukelt oder pflanzt einen Baum. In früheren Zeiten ließ man Drachen mit kleinen Laternen am Nachthimmel fliegen und schnitt die Schnur dann durch, damit das Unglück mit ihnen davonflog.
Kulinarisch ist das Fest regional verschieden. In der Region um Shanghai, Hangzhou und Suzhou stehen in den Wochen davor Schlangen vor Bäckereien, die Qingtuan verkaufen. Das sind grüne, weiche Klebreisbällchen, deren Farbe von Beifuß oder dem Saft junger Gerstenblätter stammt. Traditionell sind sie mit süßer roter Bohnenpaste gefüllt, und seit einigen Jahren gibt es sie auch mit salzigem Eigelb und Fleischflocken, eine Variante, die Traditionalisten die Stirn runzeln lässt. Qingtuan schmecken leicht grasig und sind am ersten Tag am besten. Abgepackt gibt es sie auch im Supermarkt, doch frisch aus einer Bäckerei sind sie deutlich besser, und vor bekannten Läden in Shanghai kann die Wartezeit in dieser Jahreszeit lang werden. Als Mitbringsel für die Heimreise taugen sie nicht: Klebreis wird schon nach kurzer Zeit im Kühlschrank hart, und die grüne Farbe verblasst, sodass die Bällchen nach ein, zwei Tagen weder gut aussehen noch schmecken.
In Nordchina erinnern kalte Speisen und in Shanxi gedämpfte Brötchen in Tierform an das alte Kaltspeisenfest. Wer mehr über regionale Küchen erfahren möchte, findet im Beitrag über chinesisches Essen einen Überblick.
Ein Gedicht und ein Gemälde
Kaum ein chinesisches Gedicht ist so bekannt wie die vier Zeilen, die der Tang-Dichter Du Mu dem Fest gewidmet hat. Sinngemäß: Zu Qingming fällt der Regen ohne Ende, die Wanderer auf der Straße sind tieftraurig. Wo gibt es hier ein Weinhaus? Ein Hirtenjunge zeigt in die Ferne, auf das Dorf der Aprikosenblüten. Das Gedicht fängt die Stimmung des Tages ein, zwischen Trauer und Frühling, und es trifft auch das Wetter: Um Qingming regnet es in weiten Teilen Chinas oft. Mehrere Orte beanspruchen, das Aprikosenblütendorf zu sein, am bekanntesten Xinghuacun in Shanxi, die Heimat des Fen-Schnapses.
Das zweite berühmte Werk ist die Bildrolle “Am Qingming-Fest den Fluss entlang” von Zhang Zeduan aus der Nördlichen Song-Zeit. Auf über fünf Metern Länge zeigt sie das Leben in der Hauptstadt Bianjing, dem heutigen Kaifeng: Brücken, Boote, Händler, Gasthäuser, Lastträger und Hunderte Menschen. Ob der Titel wirklich das Fest meint oder etwas anderes, ist unter Kunsthistorikern umstritten. Das Original gehört dem Palastmuseum in Peking und wird wegen seiner Empfindlichkeit nur selten gezeigt; wer den Kaiserpalast besucht, sieht es mit viel Glück in einer Sonderausstellung. In Kaifeng gibt es einen Themenpark, der die Szenen nachbaut.
Was Qingming für Reisende bedeutet
Qingming ist ein gesetzlicher Feiertag, und das hat Folgen. Zusammen mit einem Wochenende entsteht meist ein kurzer Feiertagsblock, dessen Tage der Festkalender auf der Seite zum Laternenfest zeigt. In dieser Zeit reisen viele Menschen in ihre Heimatorte oder zu den Gräbern der Familie, andere nutzen die freien Tage für einen Kurzurlaub.
Die Autobahnen sind voll, zumal kleine Personenwagen an den großen Feiertagen keine Maut zahlen. Rund um Friedhöfe am Stadtrand gibt es Staus, Sperrungen und Sonderbusse. Die Züge, besonders auf kürzeren Strecken zwischen Großstädten und Umland, sind früh ausverkauft, und Tickets sollten rechtzeitig gekauft werden; wie das über 12306 funktioniert, erklärt der Beitrag über das Zugfahren in China. Beliebte Ausflugsziele und Parks sind an den Feiertagen überlaufen. Das gilt besonders für Orte, die selbst mit dem Totengedenken zu tun haben: Das Sun-Yat-sen-Mausoleum in Nanjing, die Ming-Gräber nördlich von Peking oder das Mausoleum des Gelben Kaisers in Shaanxi, wo zu Qingming eine staatliche Gedenkzeremonie stattfindet, ziehen an diesen Tagen große Menschenmengen an. Wer solche Orte ohnehin besuchen will, legt sie besser in eine andere Woche.
Von diesen Tagen abgesehen ist der April eine gute Reisezeit für weite Teile des Landes. In Jiangxi und Yunnan blühen die Rapsfelder, in Peking die Aprikosen und Magnolien, und die Hitze des Sommers ist noch fern. Regen ist im Süden häufig. Einen Überblick über das Klima nach Regionen bietet der Beitrag zur Reisezeit in China.
In Hongkong und Macau ist Ching Ming, wie es dort auf Kantonesisch heißt, ebenfalls ein Feiertag. Die großen Friedhöfe liegen an steilen Hängen, und ganze Familien steigen mit Körben voller Obst, Blumen und manchmal einem ganzen gebratenen Schwein die Treppen hinauf. Eine Besonderheit Hongkongs ist, dass die Gräber ein zweites Mal im Herbst besucht werden, zum Chung-Yeung-Fest, das ebenfalls ein Feiertag ist. Auf Taiwan ist der Tag des Gräberfegens ebenfalls arbeitsfrei und wird dort zugleich mit dem Todestag Chiang Kai-sheks verbunden, der 1975 um diese Zeit starb.
Für den Umgang mit dem Fest gilt: Die Friedhöfe sind keine Sehenswürdigkeit, und Familien am Grab werden nicht fotografiert. Chrysanthemen, vor allem weiße und gelbe, sind in China Trauerblumen. Als Gastgeschenk bei einem Besuch oder im Krankenhaus sind sie deshalb, nicht nur zu Qingming, eine schlechte Wahl.
FAQHäufige Fragen
Wann ist Qingming?
Qingming richtet sich nicht nach dem Mondkalender, sondern ist einer der 24 Sonnenabschnitte des traditionellen Bauernkalenders. Es fällt deshalb immer in die ersten Apriltage. Den genauen Tag und die Feiertage der kommenden Jahre zeigt der Festkalender auf der Seite zum Laternenfest.
Ist Qingming ein Feiertag in China?
Ja. Seit 2008 ist Qingming auf dem Festland ein gesetzlicher Feiertag, meist verbunden mit einem Wochenende zu einem kurzen Feiertagsblock. Auch in Hongkong, Macau und Taiwan ist der Tag frei.
Was isst man zu Qingming?
In der Region um Shanghai, Suzhou und Hangzhou sind Qingtuan typisch, grüne Klebreisbällchen, die ihre Farbe von Beifuß oder anderen jungen Kräutern bekommen und meist mit roter Bohnenpaste gefüllt sind. In Nordchina isst man traditionell kalte Speisen, eine Erinnerung an das alte Kaltspeisenfest.
Dürfen Touristen bei Qingming auf Friedhöfe gehen?
Friedhöfe sind an diesen Tagen voller Familien, die trauern und Opfer bringen. Als Zuschauer dorthin zu gehen, ist unpassend. Wer eingeladen wird, eine chinesische Familie zu begleiten, verhält sich zurückhaltend, kleidet sich dezent und fotografiert nicht ungefragt.
Lohnt sich eine China-Reise rund um Qingming?
Das Frühlingswetter ist in vielen Regionen angenehm, und es blühen Obstbäume und Rapsfelder. Rund um den Feiertag sind aber Bahn, Autobahnen und beliebte Ausflugsziele sehr voll. Wer flexibel ist, reist in der Woche davor oder danach.
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