Die Adresse des Hotels in Chengdu lautet auf Englisch „No. 8, Some Street, Jinjiang District”, und genau so findet sie kein Taxifahrer. In der Karten-App des Hotels steht derselbe Ort in chinesischen Zeichen, mit einem Pin, der zwei Meter neben dem Eingang sitzt. Wer diesen Pin teilen oder die Zeichen zeigen kann, kommt an. Diese Erfahrung fasst zusammen, warum Reisende in China andere Apps brauchen als zu Hause. Es geht weniger um Technik als um Sprache, Kartendaten und die Gewohnheiten eines Landes, in dem fast alles über das Telefon läuft.
Warum Google Maps in China nicht weiterhilft
Google-Dienste sind über das chinesische Netz gesperrt. Doch selbst wer über Roaming Zugriff hat, erlebt Überraschungen. China schreibt für Kartendienste ein eigenes Koordinatensystem vor, das gegenüber dem international üblichen um einige Hundert Meter verschoben ist. Satellitenbild und Straßenkarte passen in Google Maps deshalb oft nicht zusammen, der blaue Punkt sitzt im Fluss oder mitten in einem Wohnblock. Hinzu kommt, dass Geschäfte, Restaurants und neue Straßen in chinesischen Städten sich schneller ändern, als ein ausländischer Dienst sie erfassen kann.
Die Folge ist klar: Für Navigation vor Ort gehört eine chinesische Karten-App aufs Telefon. Die beiden großen sind Amap, auf Chinesisch Gaode, und Baidu Maps.
Amap: Karten, Nahverkehr, Taxi
Amap gehört zum Alibaba-Konzern und ist die meistgenutzte Karten-App Chinas. Für internationale Nutzer gibt es inzwischen eine englische Oberfläche und eine eigene internationale Fassung, die sich mit ausländischer Telefonnummer anmelden lässt. Straßennamen und viele Sehenswürdigkeiten erscheinen in lateinischer Schrift, kleinere Geschäfte und Hausnummern oft nur auf Chinesisch.
Die Stärken von Amap liegen im Nahverkehr. Die App zeigt U-Bahn-Linien mit Ausgängen, Buslinien mit Echtzeitdaten und Fußwege durch die unterirdischen Gänge großer Bahnhöfe. Gerade in Peking und Shanghai, wo Metrostationen Dutzende Ausgänge haben können, ist der Hinweis auf den richtigen Ausgang Gold wert. Der Kaiserpalast etwa hat einen Eingang im Süden und einen Ausgang im Norden, und die nächsten Metrostationen liegen weit auseinander. Wer den Tag dort plant, findet auf der Seite zum Kaiserpalast in Peking die Hintergründe.
Ziele sucht man am zuverlässigsten mit dem chinesischen Namen. Hotels schicken ihre Adresse bei der Buchungsbestätigung oft zweisprachig. Diese chinesischen Zeichen kopieren und in die Suche einfügen, dann ist der Treffer eindeutig. Mit englischen Namen klappt es bei großen Sehenswürdigkeiten gut, bei einem kleinen Teehaus in einer Seitengasse oft nicht.
Über Amap lassen sich auch Fahrten bestellen. Die App bündelt Angebote verschiedener Fahrdienste und zeigt sie nebeneinander. Für Reisende mit ausländischem Konto ist dieser Teil von Version zu Version unterschiedlich zugänglich. Wenn es klappt, ist es bequem, wenn nicht, bleibt Didi.
Baidu Maps als zweite Meinung
Baidu Maps ist die zweite große Karten-App und in manchen Regionen genauer, vor allem bei kleinen Geschäften und Restaurants, die ihre Einträge dort pflegen. Die Oberfläche ist überwiegend chinesisch, für Reisende ohne Sprachkenntnisse also mühsamer. Als Gegenprobe taugt sie trotzdem: Wenn Amap ein Restaurant nicht findet, lohnt die Suche nach den chinesischen Zeichen in Baidu Maps. Beide Apps nutzen das chinesische Koordinatensystem, die Positionen passen also zur Straße.
Ein Detail, das Wanderer schätzen: Für abgelegene Gegenden wie die Reisterrassen von Longji oder die Wege um die Tigersprungschlucht sind beide Apps weniger präzise als in Städten. Offline-Karten helfen dort nur begrenzt, und Wegweiser vor Ort sind oft verlässlicher. Mehr zu solchen Touren steht auf der Seite Wandern in China.
Didi: Fahrdienst statt Taxi-Winken
Didi Chuxing ist der größte Fahrdienst Chinas. 2016 übernahm Didi das China-Geschäft von Uber, seitdem führt kaum ein Weg an der Plattform vorbei. Es gibt eine englischsprachige App, die sich mit deutscher Telefonnummer registrieren lässt, und ein Mini-Programm innerhalb von Alipay und WeChat. Letzteres ist für viele Reisende der einfachere Weg, weil die Bezahlung dann direkt über die bereits hinterlegte Karte läuft.
Der Ablauf gleicht dem, was man von Fahrdiensten aus anderen Ländern kennt. Ziel eingeben, Fahrzeugklasse wählen, bestätigen. Die App zeigt Kennzeichen, Automarke und Farbe des Wagens an, außerdem den voraussichtlichen Fahrpreis. Das Kennzeichen vor dem Einsteigen abgleichen, das ist in China genauso sinnvoll wie überall. Nach der Fahrt wird automatisch abgebucht, Trinkgeld ist nicht üblich.
Die Kommunikation mit dem Fahrer ist der schwierigste Teil. Didi übersetzt Nachrichten im Chat automatisch, und es gibt vorgefertigte Sätze, mit denen man etwa mitteilt, dass man am Eingang wartet. Anrufe des Fahrers kommen dagegen auf Chinesisch. Wer nicht antworten kann, schickt einfach eine Chat-Nachricht mit dem genauen Standort. Einen Treffpunkt wählen, der sich leicht beschreiben lässt, also einen Hoteleingang statt einer Straßenecke, erspart viel Suchen.
Am Flughafen und an großen Bahnhöfen haben Fahrdienste eigene Abholzonen, oft in einem Parkhaus oder auf einer bestimmten Ebene. Die App nennt den Treffpunkt, die Beschilderung dorthin ist meist zweisprachig. Wer mit schwerem Gepäck ankommt, plant für den Weg dorthin ein paar Minuten ein und bestellt erst, wenn er die Zone fast erreicht hat, sonst wartet der Fahrer und storniert womöglich.
Taxis gibt es natürlich auch. In Großstädten halten sie an ausgewiesenen Stellen und an Hotels, an Flughäfen und Bahnhöfen stehen sie in langen Reihen. Wer ein Taxi nimmt, zeigt dem Fahrer die Zieladresse in chinesischen Zeichen, bezahlt per QR-Code oder bar und bekommt auf Wunsch eine Quittung.
Metro und Bus: der Code am Drehkreuz
In den großen Städten Chinas ist die U-Bahn das schnellste Verkehrsmittel. Peking, Shanghai, Guangzhou, Shenzhen, Chengdu und Chongqing haben Netze, die zu den größten der Welt gehören. Für das Ticket gibt es drei Wege. Der klassische ist der Automat, der Bargeld und meist auch Alipay oder WeChat Pay annimmt und eine Plastikmarke oder Karte ausgibt. Der zweite ist der Nahverkehrscode in den Bezahl-Apps: ein QR-Code, den man am Drehkreuz unter den Scanner hält. Abgerechnet wird automatisch nach der gefahrenen Strecke. Der dritte, noch neue Weg sind internationale Kreditkarten, die in einigen Städten an ausgewählten Sperren kontaktlos funktionieren.
Den Nahverkehrscode muss man in der App pro Stadt einmal aktivieren. In Alipay findet sich dafür ein Bereich für Transport oder Nahverkehr, in dem die Städte aufgelistet sind. Nicht jede Stadt unterstützt ausländische Karten als Zahlungsquelle, und die Unterstützung wächst schrittweise. Wer eine Stadt besucht, in der es nicht klappt, kauft die Fahrkarten am Automaten. Die Schritte zum Einrichten der Bezahl-App erklärt der Beitrag Alipay als Tourist einrichten.
Vor den Zugängen zur Metro stehen in vielen Städten Sicherheitskontrollen mit Röntgengerät für Taschen. Das ist Routine, dauert wenige Sekunden und gehört in China zum Alltag, ähnlich wie an Bahnhöfen. Getränke in offenen Flaschen werden gelegentlich kurz geprüft, und zur Hauptverkehrszeit bilden sich an großen Umsteigestationen Schlangen, die man in die Fahrzeit einrechnen sollte.
Leihfahrräder für kurze Wege
In fast jeder chinesischen Stadt stehen an Metroausgängen und Straßenecken Reihen von Leihfahrrädern in Gelb, Blau oder Grün. Man entsperrt sie, indem man den QR-Code am Rad scannt, meist über ein Mini-Programm in Alipay oder WeChat. Für Reisende mit ausländischem Konto klappt das nicht bei jedem Anbieter, und manche verlangen eine Kaution oder eine chinesische Nummer. Wo es funktioniert, sind die Räder ideal für die letzten Kilometer, etwa entlang des Westsees in Hangzhou oder durch die Hutongs in Peking.
Die Regeln sind einfach, werden aber streng gehandhabt. Das Rad nur in markierten Zonen abstellen, sonst fällt eine Gebühr an, und auf Fahrradspuren bleiben, die in großen Städten oft breit sind und von E-Rollern mitgenutzt werden. Die Roller fahren leise und schnell, gerade Fußgänger aus Deutschland unterschätzen das anfangs.
Zugtickets per App
Für Fernzüge gibt es mit 12306 die offizielle App der chinesischen Staatsbahn, die auch eine englische Fassung hat. Wie die Buchung mit dem Reisepass funktioniert, steht im Beitrag über 12306 und Zugtickets. Amap zeigt übrigens auch Zugverbindungen an, bucht aber nicht selbst.
Übersetzung und Speisekarten
Neben Karte und Fahrdienst ist ein Übersetzer die dritte unverzichtbare App. Die großen Anbieter bieten Kamera-Übersetzung, mit der sich Speisekarten und Schilder lesen lassen. Entscheidend ist, dass das Sprachpaket für Chinesisch vor der Reise heruntergeladen wird, dann funktioniert die Übersetzung auch offline. Die Qualität reicht aus, um zu erkennen, ob ein Gericht Schweinefleisch, Tofu oder Innereien enthält, wobei poetische Gerichtsnamen wie „Ameisen klettern auf den Baum” die Maschine an ihre Grenzen bringen. Dahinter verbirgt sich übrigens ein Glasnudelgericht mit Hackfleisch aus Sichuan, bei dem die Fleischkrümel an den Nudeln hängen wie Ameisen an Zweigen. Mehr zu solchen Namen und zur Küche des Landes steht auf der Seite Chinesisches Essen.
Auch WeChat und Alipay enthalten Übersetzungsfunktionen, vor allem für Texte in Chats. Für längere Gespräche nutzen viele Chinesen im Umgang mit Ausländern selbst eine Übersetzungs-App und halten das Telefon hin. Das ist keine Unhöflichkeit, sondern praktisch.
Essen bestellen und Tische reservieren
Die Liefer-Apps Meituan und Ele.me sind in Chinas Städten allgegenwärtig, die Mopeds ihrer Kuriere prägen das Straßenbild. Für Touristen sind sie nur eingeschränkt nutzbar, weil sie meist eine chinesische Telefonnummer und eine Lieferadresse verlangen, die der Kurier versteht. Innerhalb von Alipay gibt es teils Zugänge zu diesen Diensten, die mit ausländischem Konto funktionieren. Wer im Hotel wohnt, fragt am besten an der Rezeption, ob Lieferungen zum Zimmer erlaubt sind.
Für Restaurants mit Wartezeit, etwa beliebte Hotpot-Ketten in Chengdu oder Chongqing, lässt sich über Mini-Programme oft eine Wartenummer ziehen. Das spart eine Stunde im Eingangsbereich, setzt aber einen Blick auf die chinesischen Menüs voraus.
Vor der Abreise: was zu Hause erledigt werden sollte
Die meisten dieser Apps lassen sich in China über das lokale Netz nicht mehr aus dem Google Play Store laden, weil dieser dort nicht erreichbar ist. Android-Nutzer installieren daher alles vorab. Beim iPhone ist der App Store zugänglich, trotzdem ist es klüger, Registrierung und SMS-Bestätigung zu Hause zu erledigen. Die Liste für die Reise ist kurz: eine Karten-App, Didi oder das Didi-Mini-Programm, eine Übersetzungs-App mit Offline-Sprachpaket, Alipay und WeChat mit hinterlegter Karte, 12306 für Fernzüge.
Dazu kommt eine Datenverbindung, ohne die keine dieser Apps funktioniert. Welche Optionen es gibt, erklärt der Beitrag eSIM für China, die Grundlagen zu Zugang, Sperren und Apps die Seite Internet und Apps in China. Wie Bargeld, Karte und Bezahl-App zusammenspielen, steht auf der Seite Bezahlen in China.
Ein letzter Rat aus der Praxis: einen Screenshot der Hoteladresse in chinesischen Zeichen auf dem Sperrbildschirm oder im Fotoalbum speichern. Er funktioniert ohne Netz, ohne Akku-hungrige App, und jeder Taxifahrer in Kunming, Guilin oder Xi’an kann ihn lesen.
FAQHäufige Fragen
Gibt es Amap auf Englisch?
Ja. Amap bietet eine englische Oberfläche, und für internationale Nutzer gibt es eine eigene Fassung im App Store und bei Google Play. Ortsnamen und Geschäfte erscheinen trotzdem teils nur auf Chinesisch, deshalb hilft es, Ziele per Kopieren und Einfügen in chinesischen Zeichen zu suchen.
Kann man Didi mit ausländischer Kreditkarte bezahlen?
Ja, über die englischsprachige Didi-App oder über das Didi-Mini-Programm in Alipay und WeChat, wo die dort hinterlegte Karte genutzt wird. Welche Variante reibungsloser läuft, ist individuell verschieden, deshalb lohnt es sich, beide vorab einzurichten.
Funktioniert Google Maps in China?
Über das chinesische Netz nicht, über Roaming teilweise. Selbst dann liegen die Kartendaten oft neben der tatsächlichen Position, weil in China ein eigenes Koordinatensystem vorgeschrieben ist. Für die Navigation vor Ort sind chinesische Karten-Apps verlässlicher.
Wie bezahlt man die Metro ohne chinesisches Konto?
Am Ticketautomaten mit Bargeld oder Bezahl-App oder mit dem Nahverkehrscode in Alipay oder WeChat, sofern die Stadt ihn für ausländische Karten unterstützt. In einigen Städten lassen sich inzwischen auch internationale Kreditkarten direkt an den Sperren verwenden.
Welche Übersetzungs-App funktioniert in China?
Apps mit Offline-Sprachpaketen funktionieren ohne Verbindung, wenn die Pakete vor der Reise geladen wurden. Das gilt etwa für die Übersetzungs-Apps von Google, Microsoft und Apple. Online-Funktionen hängen vom Netz und vom Datenzugang ab.
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