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Daoismus: Lehre, Tempel und heilige Berge Chinas

Im Hof des Baiyun Guan in Peking reiben Besucher über einen kleinen Steinaffen, der in eine Torwand gemeißelt ist, bis er schwarz glänzt. Das soll Glück bringen und zeigt nebenbei, wie wenig der gelebte Daoismus mit der stillen Philosophie aus den Büchern gemein haben muss.

RedaktionAktualisiert September 2026

Zeichnung in Tusche zum Thema: Daoismus: Lehre, Tempel und heilige Berge Chinas
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Auf dem Tianzhu-Gipfel des Wudang Shan in der Provinz Hubei steht eine Halle aus vergoldeter Bronze, gegossen in Teilen und 1416 auf den Berg gebracht, im Auftrag des Ming-Kaisers Yongle. Wer die letzten Treppen hinaufsteigt, steht an einem der wichtigsten Orte des Daoismus, umgeben von Pilgergruppen mit gelben Fahnen, Mönchen mit hochgestecktem Haarknoten und Tagesausflüglern mit Selfiestange. Das ist typisch für diese Religion: Sie ist einheimisch, sehr alt, in der Landschaft verankert und zugleich völlig selbstverständlich in den chinesischen Alltag eingebunden.

Wer war Laozi, und was steht im Daodejing?

Laozi, der “alte Meister”, soll nach der Überlieferung im 6. Jahrhundert v. Chr. als Archivar am Hof der Zhou gelebt haben und damit ein älterer Zeitgenosse des Konfuzius gewesen sein. Der Historiker Sima Qian erzählt um 100 v. Chr., Laozi habe das Reich am Ende seines Lebens auf einem Wasserbüffel Richtung Westen verlassen. Am Grenzpass habe ihn der Wächter Yin Xi gebeten, seine Lehre aufzuschreiben, und so sei das Daodejing entstanden. Ob Laozi je gelebt hat, ist offen. Die Forschung geht davon aus, dass das Buch über längere Zeit gewachsen ist.

Die ältesten erhaltenen Fassungen stammen aus Gräbern: Seidenhandschriften aus Mawangdui bei Changsha, gefunden 1973, und Bambustäfelchen aus Guodian in Hubei, gefunden 1993. Das Daodejing ist kurz, rund fünftausend Schriftzeichen in 81 Abschnitten, und gehört zu den am häufigsten übersetzten Büchern der Welt. Sein erster Satz ist berühmt: Das Dao, das sich aussprechen lässt, ist nicht das ewige Dao.

Im deutschen Sprachraum machte vor allem der Sinologe und Missionar Richard Wilhelm das Buch bekannt, dessen Übersetzung 1911 unter dem Titel “Laotse. Tao te king” erschien. Bertolt Brecht griff die Legende vom Grenzwächter 1938 im Exil auf, in dem Gedicht “Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration”. Darin ist es der Zöllner, der dem alten Mann seine Weisheit abringt, und Brecht lässt ausdrücklich auch ihm Dank sagen. Die Zeile vom weichen Wasser, das mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt, stammt aus diesem Gedicht und wird bis heute oft zitiert, meist ohne dass jemand weiß, woher sie kommt.

Der Kern ist schnell beschrieben und schwer zu leben. Das Dao ist der Ursprung und der Lauf aller Dinge, ohne Absicht und ohne Willen. Wer ihm folgt, handelt nach dem Prinzip des wuwei, des Nicht-Eingreifens: nicht gegen den Strom arbeiten, nichts erzwingen, weich bleiben wie Wasser, das trotzdem den Stein aushöhlt. Das Buch richtet sich ausdrücklich auch an Herrscher. Der beste Fürst ist nach Laozi einer, von dem das Volk kaum weiß, dass es ihn gibt.

Neben Laozi steht Zhuangzi, ein Denker des 4. Jahrhunderts v. Chr., dessen gleichnamiges Buch voller Gleichnisse und Witz ist. Am bekanntesten ist sein Traum vom Schmetterling: Zhuangzi träumt, er sei ein Schmetterling, und weiß nach dem Erwachen nicht, ob er ein Mensch war, der träumte, ein Schmetterling zu sein, oder ein Schmetterling, der nun träumt, ein Mensch zu sein.

Qi, Yin und Yang: Begriffe, die überall auftauchen

Wer durch China reist, begegnet daoistischen Begriffen, ohne einen Tempel zu betreten. Qi ist die Lebensenergie, die nach dieser Vorstellung durch den Körper und die Landschaft fließt. Die chinesische Medizin, Akupunktur, Qigong und Fengshui, die Lehre von der günstigen Lage von Häusern und Gräbern, bauen darauf auf. Yin und Yang, das dunkle und das helle, das weiche und das harte Prinzip, erscheinen im bekannten Symbol des Taiji: zwei ineinandergreifende Tropfen, jeder mit einem Punkt der anderen Farbe.

Dazu kommen die fünf Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser, nach denen Himmelsrichtungen, Farben, Organe und Jahreszeiten geordnet werden. Diese Ideen sind älter als der organisierte Daoismus und wurden von ihm aufgenommen und ausgebaut. Die Morgengruppen, die in Parks Taijiquan üben, stehen in dieser Tradition, auch wenn die meisten Teilnehmer dabei eher an ihren Rücken denken als an das Dao. Mehr zum Leben in den Parks steht im Beitrag über den Alltag in China.

Eine Nebengeschichte, die in keinem Tempel erzählt wird, betrifft die Suche nach Unsterblichkeit. Daoistische Alchemisten mischten über Jahrhunderte Elixiere aus Quecksilber, Blei und Arsen, und mehrere Kaiser, unter ihnen einige der Tang-Dynastie, starben vermutlich an solchen Mitteln. Nebenbei entstand bei diesen Experimenten nach verbreiteter Darstellung das Schwarzpulver. Die späteren Schulen verlegten die Alchemie nach innen und sprachen von einer “inneren Pille”, die durch Atmung und Meditation entsteht.

Vom Denken zur Religion: Himmelsmeister und Quanzhen

Als Religion mit Priestern und Gemeinden begann der Daoismus im 2. Jahrhundert n. Chr. in Sichuan. Zhang Daoling gründete dort den Weg der Himmelsmeister, dessen Mitglieder fünf Scheffel Reis als Beitrag zahlten. Seine Nachfolger trugen den Titel Himmelsmeister und residierten später am Longhu Shan in Jiangxi, einem Berg mit roten Sandsteinfelsen. Aus dieser Linie ging die Zhengyi-Schule hervor, deren Priester heiraten dürfen, zu Hause leben und Rituale für Gemeinden und Familien ausführen, etwa bei Beerdigungen oder Tempelfesten.

Im 12. Jahrhundert gründete Wang Chongyang in Nordchina die Quanzhen-Schule, die “Schule der vollständigen Wahrheit”. Ihre Mönche und Nonnen leben ehelos in Klöstern, essen vegetarisch und verbinden daoistische Übungen mit Elementen aus Buddhismus und Konfuzianismus. Sein Schüler Qiu Chuji reiste 1222 bis in den Hindukusch, um Dschingis Khan zu treffen, und kehrte mit weitreichenden Privilegien für seine Schule zurück. Diese beiden Hauptschulen prägen den Daoismus bis heute.

Die Götterwelt des religiösen Daoismus ist groß und bürokratisch organisiert. An der Spitze stehen die Drei Reinen, darunter Laozi selbst in vergöttlichter Form, daneben der Jadekaiser als Herrscher des Himmels. Darunter arbeiten Stadtgötter, Erdgötter, Donnergötter, Drachenkönige und Unsterbliche wie die Acht Unsterblichen, die man in Tempeln, auf Porzellan und in Opernstücken wiedererkennt.

Heilige Berge: Wudang, Qingcheng und die fünf Gipfel

Daoistische Klöster liegen bevorzugt in den Bergen. Der Wudang Shan im Nordwesten von Hubei ist der bekannteste, und seine Tempel und Klöster stehen seit 1994 auf der Welterbeliste der UNESCO. Kaiser Yongle ließ im frühen 15. Jahrhundert eine ganze Anlage aus Palästen, Klöstern und Pilgerwegen errichten, die dem Schutzgott Zhenwu geweiht ist. Wudang gilt auch als Heimat eines eigenen Kampfkunststils, und in mehreren Klöstern trainieren junge Schüler. Der Aufstieg ist teilweise per Seilbahn möglich, der alte Pilgerweg dauert entsprechend länger und belohnt mit leeren Treppen am frühen Morgen.

Der Qingcheng Shan bei Dujiangyan, etwa eine Stunde von Chengdu, gilt als einer der Geburtsorte des Daoismus, weil Zhang Daoling hier gelehrt haben soll. Er ist bewaldet, feucht und grün, mit Tempeln an steilen Wegen, und steht zusammen mit dem antiken Bewässerungssystem von Dujiangyan auf der UNESCO-Liste. Er lässt sich gut mit einem Aufenthalt in Chengdu verbinden. In Chengdu selbst liegt der Qingyang Gong, der Palast der Grünen Ziege, einer der wichtigsten daoistischen Tempel im Südwesten.

Daneben gibt es die fünf großen Berge, wuyue, die schon vor dem organisierten Daoismus als heilig galten und später von ihm vereinnahmt wurden: Tai Shan im Osten, Hua Shan im Westen, Heng Shan im Süden in Hunan, Heng Shan im Norden in Shanxi und Song Shan in der Mitte. Auf den Tai Shan in Shandong stiegen Kaiser, um Himmel und Erde zu opfern, am Fuß steht der große Dai-Miao-Tempel, und auf dem Gipfel wird die Göttin Bixia Yuanjun verehrt. Am nördlichen Heng Shan bei Datong klebt das Hängende Kloster an der Felswand, in dem Laozi, Buddha und Konfuzius gemeinsam verehrt werden. Es lässt sich mit einem Besuch der Neun-Drachen-Wand in Datong kombinieren.

Der Hua Shan hat einen besonderen Ruf. Seine Pfade führen über schmale Planken an senkrechten Felswänden, und ein Abschnitt ist nur mit Klettergurt begehbar. Für Menschen mit Höhenangst ist er nichts, und bei Regen oder Eis ist der Weg keine gute Idee.

Daoistische Tempel in Städten besuchen

Wer keine Zeit für die Berge hat, findet in den großen Städten gute Beispiele. Der Baiyun Guan im Westen von Peking ist das wichtigste Kloster der Quanzhen-Schule und Sitz der Chinesischen Daoistischen Vereinigung. Hier liegt Qiu Chuji begraben, und in den Hallen sind die Drei Reinen, der Jadekaiser und die Sterngötter zu sehen. Zum Frühlingsfest findet ein Tempelmarkt statt, bei dem Besucher Münzen auf eine Glocke werfen, die unter einer kleinen Brücke hängt. Wer trifft, hat Glück im neuen Jahr. Die Suche nach den drei kleinen Steinaffen, die in Wände und Tore gemeißelt sind, gehört für viele Pekinger Familien dazu.

Einen ganz anderen Eindruck vermittelt der Dongyue Miao, der Tempel des Ostgipfels, östlich des Zentrums. In langen Seitengängen stehen lebensgroße Figuren, die die Abteilungen der Unterwelt darstellen, jede zuständig für eine bestimmte Sünde oder ein bestimmtes Schicksal. Die Szenen sind drastisch und manchmal komisch. Der Tempel beherbergt heute auch ein Volkskundemuseum. Weitere Ziele in der Hauptstadt stellt der Beitrag über Peking vor.

In Shanghai liegt der Stadtgott-Tempel gleich neben dem Yuyuan-Garten, mitten im Touristengedränge, und wird trotzdem von Gläubigen besucht. Wie sich daoistische und buddhistische Tempel unterscheiden und welche Verhaltensregeln gelten, erklärt der Überblick über die Religionen Chinas.

Wie wird Daoismus heute praktiziert?

Offiziell ist der Daoismus eine der fünf anerkannten Religionen Chinas, organisiert über die Daoistische Vereinigung, die Priester registriert und Klöster verwaltet. Die Quanzhen-Mönche leben in Klöstern wie dem Baiyun Guan oder auf dem Wudang Shan, erkennbar an ihren blauen Gewändern und dem Haarknoten, der mit einer Nadel festgesteckt wird. Zhengyi-Priester dagegen sieht man vor allem bei Ritualen in Dörfern und Kleinstädten, besonders im Süden, in Fujian und in Taiwan.

Daoistische Klöster sind deutlich seltener als buddhistische. Wer in einer chinesischen Stadt spontan einen Tempel ansteuert, landet meist bei einem buddhistischen. Erkennbar sind daoistische Anlagen an den Namen, die auf “Guan” oder “Gong” enden, an Yin-Yang-Symbolen und Acht-Trigramm-Mustern an Toren und Weihrauchbecken und an Figuren mit Bart, Zepter und Beamtenhut statt kahlköpfiger Buddhas.

Für die meisten Menschen ist der Daoismus weniger eine Mitgliedschaft als ein Repertoire. Man geht zum Stadtgott, wenn ein Umzug ansteht, kauft ein Amulett gegen Unglück, lässt vor einer Hochzeit ein günstiges Datum berechnen oder achtet beim Wohnungskauf auf Fengshui. Der 15. Tag des ersten Mondmonats, an dem das Laternenfest gefeiert wird, ist im Daoismus zugleich der Geburtstag des Himmelsbeamten, und entsprechend voll sind die Tempel an diesem Abend.

Dem Verhältnis zum Konfuzianismus, dem großen Gegenspieler und Partner, widmet sich eine eigene Seite über Konfuzius und seine Lehre. Beide Traditionen haben sich jahrhundertelang aneinander gerieben, und in einem chinesischen Sprichwort heißt es, ein Gelehrter sei außen Konfuzianer und innen Daoist.

Wer im Tempel ein Räucherstäbchen anzündet, löscht die kleine Flamme an der Spitze durch Schwenken, nicht durch Pusten. Der eigene Atem gilt vielen Gläubigen als unpassend für eine Opfergabe, und mitunter weist ein Tempelwärter freundlich darauf hin.

FAQHäufige Fragen

Was bedeutet Dao?

Dao heißt wörtlich "Weg". Im Daoismus bezeichnet es das ursprüngliche Prinzip, aus dem alles entsteht und nach dem sich alles richtet. Es lässt sich nach dem Daodejing nicht vollständig in Worte fassen. Der Mensch soll sich ihm anpassen, statt gegen den natürlichen Lauf der Dinge zu arbeiten.

Ist Daoismus eine Religion oder eine Philosophie?

Beides. Chinesisch unterscheidet man zwischen daojia, der philosophischen Schule um Laozi und Zhuangzi, und daojiao, der Religion mit Göttern, Priestern, Tempeln und Ritualen. In der Praxis fließen beide ineinander, und der Staat erkennt den Daoismus als eine der fünf offiziellen Religionen an.

Welcher daoistische Tempel lohnt sich in Peking?

Der Baiyun Guan, der Tempel der Weißen Wolke, im Westen der Stadt ist das Zentrum der Quanzhen-Schule und Sitz der Chinesischen Daoistischen Vereinigung. Der Dongyue Miao, der Tempel des Ostgipfels, zeigt dagegen die Unterwelt-Bürokratie des Volksglaubens. Aktuelle Öffnungszeiten und Eintrittspreise vor Ort oder beim Betreiber prüfen.

Hat Taijiquan etwas mit Daoismus zu tun?

Taijiquan beruft sich auf daoistische Begriffe wie Yin und Yang und die Lenkung des Qi, und eine Legende schreibt seine Erfindung dem Wudang-Mönch Zhang Sanfeng zu. Historisch belegt ist diese Herkunft nicht. Gesichert ist, dass daoistische Klöster wie die auf dem Wudang Shan bis heute Kampf- und Atemkünste unterrichten.

Darf man daoistische Priester fotografieren?

Priester in der Öffentlichkeit oder im Tempelhof lassen sich meist fotografieren, wenn man vorher fragt. Während eines Rituals und in den Hallen selbst, wo oft ein Fotoverbot gilt, sollte die Kamera unten bleiben.

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