Im Lama-Tempel von Peking, dem Yonghegong, steigt schon morgens dichter Rauch aus den Bronzebecken vor den Hallen. Junge Angestellte in Bürokleidung halten drei Räucherstäbchen über den Kopf, verbeugen sich in alle vier Himmelsrichtungen und bitten um eine bestandene Prüfung oder eine Beförderung. Der Tempel ist ein Kloster des tibetischen Buddhismus, gebaut als Prinzenpalast und im 18. Jahrhundert umgewidmet, und in der letzten Halle steht eine Buddha-Figur von achtzehn Metern Höhe über dem Boden, geschnitzt aus einem einzigen Sandelholzstamm. Ein paar hundert Meter weiter westlich liegt der Konfuzius-Tempel der Stadt, und weiter südlich, nahe der Station Xuanwumen, die katholische Südkirche, deren heutiger Bau vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammt. Wer in China Religion sucht, findet sie oft nebeneinander und selten sauber getrennt.
Drei Lehren und ein alter Volksglaube
Die Chinesen sprechen seit über tausend Jahren von den “drei Lehren”, sanjiao: Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus. Gemeint ist nicht, dass jeder Mensch einer davon angehört. Die drei Lehren gelten eher als Werkzeuge für verschiedene Lebensbereiche. Der Konfuzianismus ordnet Familie, Staat und Pflichten, der Daoismus kümmert sich um Natur, Gesundheit, Langlebigkeit und die Götterwelt, der Buddhismus um Leid, Tod und Wiedergeburt. Ein bekannter Spruch fasst das so zusammen: Konfuzianer im Amt, Daoist im Ruhestand, Buddhist am Lebensende.
Darunter liegt eine Schicht, die in keinem Lehrbuch als eigene Religion auftaucht und doch die meisten Menschen betrifft: der Volksglaube. Dazu gehört die Verehrung der Ahnen am Hausaltar und am Grab, der Glaube an Erd- und Stadtgötter, an den Küchengott, der vor dem Neujahrsfest im Himmel über die Familie berichtet, an den Reichtumsgott Caishen und an vergöttlichte historische Figuren wie Guan Yu, einen General aus dem 3. Jahrhundert, oder Mazu, eine Meeresgöttin der Fischer an der Küste von Fujian und auf Taiwan. Ein Mazu-Tempel steht in fast jeder Hafenstadt im Süden. Viele dieser Gottheiten werden in daoistischen und buddhistischen Tempeln gleichermaßen verehrt.
Weil diese Formen so ineinandergreifen, lassen sich Anhängerzahlen kaum sinnvoll angeben. Umfragen kommen je nach Fragestellung zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Offiziell ist die Volksrepublik säkular, Mitglieder der Kommunistischen Partei sollen keiner Religion angehören, und Religionsausübung ist nur innerhalb staatlich registrierter Organisationen erlaubt. Anerkannt sind fünf Religionen: Buddhismus, Daoismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus.
Dass viele Tempel heute frisch gestrichen aussehen, hat einen historischen Grund. Während der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 wurden Klöster geschlossen, Figuren zerschlagen und Mönche in die Produktion geschickt, manche Anlagen dienten als Fabrik oder Lager. Seit den 1980er-Jahren sind die meisten wieder aufgebaut und neu bemalt worden. Was nach Ming-Zeit aussieht, ist deshalb oft wenige Jahrzehnte alt, und die wirklich alten Holzbauten, etwa in Shanxi, fallen durch ihre verblasste Farbe gerade auf.
Buddhismus: von Indien über die Seidenstraße
Der Buddhismus kam um die Zeitenwende über die Handelswege Zentralasiens nach China und ist damit die älteste der großen fremden Religionen im Land. Die Legende erzählt vom Han-Kaiser Mingdi, der im Traum eine goldene Gestalt sah und Gesandte nach Westen schickte. Der Weiße-Pferd-Tempel bei Luoyang gilt als erster buddhistischer Tempel Chinas. Später brachten Pilgermönche wie Xuanzang im 7. Jahrhundert Schriften aus Indien mit, und die Kleine Wildganspagode und die Große Wildganspagode in Xi’an erinnern an diese Übersetzerzeit. Die Felsgrotten von Mogao bei Dunhuang, Longmen bei Luoyang und Yungang bei Datong zeigen, wie der Buddhismus sich entlang der Seidenstraße ausbreitete.
In China setzte sich vor allem der Mahayana-Buddhismus durch, mit eigenen Schulen wie Chan, in Japan als Zen bekannt, und dem Reinen-Land-Buddhismus, der auf die Anrufung des Buddha Amitabha setzt. Die Göttin der Barmherzigkeit Guanyin ist die populärste Gestalt überhaupt. Vier Berge gelten als heilig: Wutai Shan in Shanxi, Emei Shan in Sichuan, Putuo Shan auf einer Insel vor Zhejiang und Jiuhua Shan in Anhui.
Daneben gibt es den tibetischen Buddhismus in Tibet, Qinghai, im Westen Sichuans und im Norden Yunnans. Das Songzanlin-Kloster bei Shangri-La ist eines der größten tibetischen Klöster außerhalb der Autonomen Region Tibet. In den Städten des Ostens sind Klöster wie der Jadebuddha-Tempel in Shanghai oder der Linggu-Tempel in Nanjing leicht erreichbare Beispiele für den chinesischen Mahayana-Buddhismus.
Daoismus und Konfuzianismus: die einheimischen Traditionen
Der Daoismus ist die einzige der großen Religionen, die in China selbst entstanden ist. Er beruft sich auf den Weisen Laozi und das Buch Daodejing, entwickelte aber im Lauf der Jahrhunderte eine vielgestaltige Götterwelt, Klöster, Rituale und Praktiken für ein langes Leben. Wer einen daoistischen Tempel besucht, sieht Stadtgötter, Unsterbliche, Drachenkönige und den Jadekaiser. Mehr zu Lehre, heiligen Bergen wie Wudang Shan und zu Tempeln in Peking und Chengdu steht auf der Seite über den Daoismus.
Der Konfuzianismus ist ein Sonderfall. Er kennt keinen Gott, keine Priester und kein Jenseitsversprechen, wurde aber über zwei Jahrtausende mit Opferzeremonien, Tempeln und einem festen Kanon betrieben. Er bestimmte Bildung, Beamtenprüfungen und Familienordnung. Warum Konfuzius bis heute im Alltag spürbar ist und wo man seine Tempel besucht, erklärt der Beitrag über den Konfuzianismus.
Islam in China: Hui und Uiguren
Muslime leben in China seit der Tang-Zeit, als arabische und persische Händler über die Seidenstraße und den Seeweg kamen. Die Huaisheng-Moschee in Guangzhou gilt als eine der ältesten des Landes. Heute bekennen sich vor allem zwei große Volksgruppen zum Islam. Die Hui sprechen Chinesisch, leben verstreut im ganzen Land und besonders in Ningxia, Gansu und Qinghai. Die Uiguren sind ein turksprachiges Volk in Xinjiang. Dazu kommen Kasachen, Kirgisen und weitere kleinere Gruppen.
Für Reisende sind Moscheen oft eine Überraschung, weil sie wie chinesische Tempel aussehen. Die Große Moschee in Xi’an im muslimischen Viertel nahe dem Trommelturm hat geschwungene Dächer, Innenhöfe, Pavillons und ein Minarett in Form einer Pagode. Die Niujie-Moschee in Peking liegt an der Rinderstraße, wo Halal-Metzgereien und Sesamgebäck zu finden sind. Nudelrestaurants mit dem Schriftzeichen für “halal” über der Tür, oft Lanzhou-Lamian-Läden, gibt es in jeder chinesischen Stadt.
Die Lage in Xinjiang ist seit Jahren Gegenstand internationaler Kritik wegen massiver Einschränkungen der Religionsausübung. Reisende in der Region begegnen dichten Kontrollen. Aktuelle Hinweise dazu gibt der Beitrag zu Sicherheit und Reisehinweisen.
Christentum: Kathedralen und Hauskirchen
Christen kamen früh nach China. Die sogenannte Nestorianische Stele von 781, heute im Stelenwald-Museum in Xi’an, berichtet von einer Kirche des Ostens in der Tang-Hauptstadt. Mit dem Jesuiten Matteo Ricci, der Ende des 16. Jahrhunderts nach China kam und in Peking am Kaiserhof wirkte, begann eine zweite Phase. Ricci ist in Peking begraben. Im 19. Jahrhundert folgten protestantische Missionen, und aus dieser Zeit stammen viele Kirchenbauten in Shanghai, Qingdao, Tianjin oder Harbin.
Heute gibt es registrierte katholische und protestantische Gemeinden und daneben nicht registrierte Hauskirchen, die sich in einer rechtlichen Grauzone bewegen oder verfolgt werden. Besucher sehen vor allem die großen Kirchen: die Kathedrale St. Ignatius in Xujiahui in Shanghai, die Südkirche Nantang in Peking an der Stelle von Riccis früherer Residenz oder die orthodoxe Sophienkathedrale in Harbin, die heute ein Museum ist. Gottesdienste sind in registrierten Kirchen öffentlich. Ausländer dürfen im Land jedoch nicht missionieren oder religiöses Material in größeren Mengen verteilen.
Was Besucher in einem Tempel beobachten
Ein chinesischer Tempel ist kein stiller Ort der Andacht im europäischen Sinn. In den Höfen wird geredet, telefoniert, fotografiert und gegessen, und dazwischen verrichten Gläubige ihre Gebete, als wäre das alles nicht da. Wer eine Weile auf einer Bank sitzt und zuschaut, versteht mehr als durch jede Tafel am Eingang.
Sehr verbreitet ist das Losorakel. Man kniet vor der Gottheit, schüttelt einen Bambusbecher mit nummerierten Stäbchen, bis eines herausfällt, und holt sich zu der Nummer einen Zettel mit einem Vers. In Südchina und in Hongkong, etwa im Wong-Tai-Sin-Tempel in Kowloon, sitzen in Nebenräumen Deuter, die den Vers gegen eine Gebühr auslegen. In Fujian und auf Taiwan werfen Gläubige dazu zwei halbmondförmige Holzklötze, um zu prüfen, ob die Gottheit einer Frage zustimmt: Fällt einer mit der flachen und einer mit der runden Seite nach oben, lautet die Antwort ja.
An Bäumen und Gittern hängen rote Bänder und kleine Holztafeln mit Wünschen, oft für Prüfungen, Gesundheit oder einen Ehepartner. In buddhistischen Tempeln stiften Familien Lampen oder Namenstafeln für Verstorbene. Manche Besucher bringen Obst, Blumen oder Kekse als Opfergabe und nehmen sie nach dem Gebet wieder mit nach Hause, denn die Gottheit hat, so die Vorstellung, nur den Duft verzehrt.
Eine angenehme Nebenwirkung für Reisende ist die Tempelküche. Viele große buddhistische Klöster betreiben vegetarische Restaurants oder Nudelküchen, in denen es Gerichte aus Tofu, Seitan und Pilzen gibt, die wie Fleisch oder Fisch aussehen und manchmal auch so schmecken. Der Jadebuddha-Tempel in Shanghai und der Lingyin-Tempel in Hangzhou sind dafür bekannt. Für vegetarisch lebende Besucher ist ein Tempelrestaurant einer der wenigen Orte, an denen sie sicher sein können, dass keine Fleischbrühe im Essen steckt.
Wie verhält man sich in einem Tempel?
Chinesische Tempel sind entspannter, als viele Besucher erwarten. Es gibt keine Kleiderordnung wie in manchen Kirchen Südeuropas, aber Schultern und Knie bedeckt zu halten, ist höflich und in tibetischen Klöstern ausdrücklich erwünscht. Der Eintritt ist bei großen Anlagen kostenpflichtig, bei kleinen Tempeln oft frei.
Einige Regeln gelten fast überall:
- Nicht auf die hohe Schwelle am Eingang einer Halle treten, sondern darüber steigen. Sie soll symbolisch böse Geister fernhalten, und darauf zu stehen, gilt als respektlos.
- In den Hallen leise sein, nicht auf Figuren zeigen und Schilder mit Fotoverbot beachten. Betende nicht von vorn fotografieren.
- In tibetischen Klöstern Stupas, Gebetsmühlen und Hallen im Uhrzeigersinn umrunden, Gebetsmühlen mit der rechten Hand drehen.
- Mönche und Nonnen nicht ungefragt berühren oder für ein Foto festhalten; wer ein Bild möchte, fragt vorher.
- Räucherstäbchen gibt es am Eingang, oft kostenlos. Wer mitmacht, steckt sie aufrecht in das Becken vor der Halle, nicht in die Hallen selbst.
Die Spendenkästen stehen offen herum, und eine kleine Spende ist gern gesehen, aber nie Pflicht. Vorsicht ist dagegen bei Personen geboten, die vor Tempeln Wahrsagerei, “gesegnete” Räucherstäbchen zu hohen Preisen oder Gebete gegen Bezahlung anbieten. In seriösen Tempeln geschieht so etwas nicht vor dem Tor.
Heilige Orte, die sich mit einer Reise verbinden lassen
Viele religiöse Stätten liegen an Orten, die Reisende ohnehin ansteuern. Der Himmelstempel in Peking war kein Tempel im heutigen Sinn, sondern ein Opferort, an dem der Kaiser für gute Ernten betete. Er zeigt, wie eng Staat und Religion im alten China verbunden waren. In Chengdu verbinden der daoistische Qingyang Gong und das buddhistische Wenshu-Kloster Tempelbesuch mit Teehäusern im Hof. In Datong hängt am Rand des Heng Shan das Hängende Kloster an einer Felswand, in dem Buddha, Laozi und Konfuzius gemeinsam verehrt werden. Es ist das anschaulichste Beispiel für die drei Lehren unter einem Dach.
Religiöse Feste folgen dem Mondkalender. Zum Laternenfest und am Geburtstag der Guanyin sind die Tempel voll, zum Qingming-Fest die Friedhöfe. An solchen Tagen stehen vor bekannten Tempeln lange Schlangen, und der Rauch der Räucherstäbchen ist in den Höfen so dicht, dass Asthmatiker lieber einen anderen Tag wählen.
FAQHäufige Fragen
Welche Religionen sind in China offiziell anerkannt?
Der Staat erkennt fünf Religionen an: Buddhismus, Daoismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus. Jede hat eine staatlich registrierte Dachvereinigung. Der Konfuzianismus gilt offiziell nicht als Religion, sondern als philosophische und ethische Tradition.
Dürfen Touristen in China Tempel besuchen?
Ja. Die meisten großen Tempel sind zugleich aktive Kultstätten und Sehenswürdigkeiten mit Eintritt. Angemessene Kleidung, Ruhe in den Hallen und Zurückhaltung beim Fotografieren von Betenden und Figuren werden erwartet. Aktuelle Öffnungszeiten und Eintrittspreise vor Ort oder beim Betreiber prüfen.
Muss man im Tempel Räucherstäbchen anzünden?
Nein. Besucher können einfach zuschauen. Wer mitmachen möchte, nimmt die kostenlosen oder am Eingang verkauften Stäbchen, zündet sie an der Flamme an, verbeugt sich mit den Stäbchen in beiden Händen und steckt sie in das große Becken vor der Halle.
Kann man in China einen Gottesdienst oder das Freitagsgebet besuchen?
In registrierten Kirchen und Moscheen der großen Städte sind Gäste in der Regel willkommen, etwa in der Kathedrale von Xujiahui in Shanghai oder in der Niujie-Moschee in Peking. Den Gebetsraum einer Moschee betreten Nichtmuslime nur mit Erlaubnis, und Ausländer dürfen in China nicht missionieren.
Was ist der Unterschied zwischen einem buddhistischen und einem daoistischen Tempel?
Buddhistische Tempel heißen meist "Si" und zeigen Buddhas, Bodhisattvas und die vier Himmelskönige am Eingang. Daoistische Tempel heißen oft "Guan" oder "Gong" und zeigen den Jadekaiser, die Drei Reinen, Stadtgötter und Unsterbliche. Mönche tragen im Daoismus häufig einen Haarknoten, buddhistische Mönche sind kahl geschoren.
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