Die Verkäuferin auf dem Seidenmarkt in Peking tippt eine Zahl in den Taschenrechner und dreht ihn zum Kunden. Der tippt eine deutlich kleinere Zahl ein, sie lacht, schüttelt den Kopf und tippt eine neue. Ein paar Runden später gibt es einen Handschlag. Handeln ist in China an manchen Orten ein freundliches Spiel mit festen Regeln, an anderen völlig fehl am Platz. Mit den übrigen Umgangsformen verhält es sich ähnlich.
Wie begrüßt man sich in China?
Zur Begrüßung genügt meist ein Nicken, ein Lächeln und ein „ni hao“. Im geschäftlichen Umfeld und unter Menschen, die an internationalen Kontakt gewöhnt sind, ist der Handschlag üblich, oft weniger fest als in Deutschland und manchmal etwas länger. Umarmungen und Wangenküsse sind zur Begrüßung unüblich, auch unter Bekannten.
Bei Namen steht der Familienname vorn. Herr Wang Wei heißt also mit Nachnamen Wang, und angesprochen wird er als „Wang xiansheng“, Herr Wang, oder im Beruf mit Titel und Nachnamen, etwa „Wang jingli“, Manager Wang. Viele Chinesen, die mit Ausländern arbeiten, haben zusätzlich einen englischen Vornamen, den sie bei der Vorstellung nennen. Ältere Menschen und Ranghöhere werden zuerst begrüßt, und bei der Vorstellung nennt man zuerst die ranghöhere Person.
Die Frage „chi le ma?“, wörtlich „schon gegessen?“, ist übrigens keine Einladung, sondern eine traditionelle Begrüßung, die an Hunger und Knappheit früherer Jahrzehnte erinnert. Die richtige Antwort ist ein freundliches „chi le“, schon gegessen, auch wenn es nicht stimmt.
Visitenkarten und Geschäftstermine
Visitenkarten spielen im Geschäftsleben noch immer eine Rolle, auch wenn viele Kontakte heute zusätzlich über den QR-Code in WeChat ausgetauscht werden. Die Karte überreicht man mit beiden Händen, die Schrift dem Gegenüber zugewandt. Wer oft in China zu tun hat, lässt die Rückseite auf Chinesisch drucken und reicht sie mit dieser Seite nach oben. Eine erhaltene Karte liest man kurz, legt sie während des Gesprächs vor sich auf den Tisch und steckt sie danach in ein Etui, nicht in die Gesäßtasche.
Bei Terminen ist Pünktlichkeit selbstverständlich. Die Sitzordnung folgt meist der Hierarchie, und wer als Gast kommt, wartet, bis ein Platz angeboten wird. Entscheidungen fallen selten in der ersten Sitzung, und ein „das muss noch geprüft werden“ ist oft eine höfliche Form der Ablehnung. Wer Geduld mitbringt und Beziehungen pflegt, „guanxi“, kommt weiter als jemand, der auf schnelle Abschlüsse drängt.
Was ist mit „Gesicht“ gemeint?
Das Gesicht, „mianzi“, ist das Ansehen einer Person in den Augen anderer. Man kann es verlieren, wenn man vor anderen kritisiert, korrigiert oder bloßgestellt wird, und man kann es anderen geben, indem man lobt, Respekt zeigt oder einen Fehler diskret übergeht. Wichtig ist, dass beide Seiten Gesicht verlieren können: Wer einen Kellner vor allen Gästen anschreit, blamiert den Kellner und zugleich sich selbst.
Für Reisende folgt daraus eine einfache Regel. Probleme spricht man ruhig an, möglichst unter vier Augen, und lässt dem Gegenüber einen Ausweg. Ein falsch gebuchtes Zimmer lässt sich an der Rezeption mit einem freundlichen „könnte man vielleicht noch einmal nachsehen“ weitaus schneller klären als mit einer lauten Beschwerde. Wer laut wird, bekommt oft ein Lächeln und wenig Bewegung.
Das Lächeln selbst bedeutet in China nicht immer Freude. Es kann Verlegenheit ausdrücken, Unsicherheit oder den Versuch, eine peinliche Situation zu entschärfen. Wer eine unangenehme Nachricht mit einem Lächeln überbracht bekommt, sollte das nicht als Spott verstehen. Solche Missverständnisse sind ein Kernstück dessen, was viele als Kulturschock beschreiben; die Seite Kulturschock in China geht darauf ausführlicher ein.
Hinter diesen Regeln steht eine lange Tradition. Die konfuzianischen Gespräche, die „Lunyu“, drehen sich über weite Strecken um das richtige Verhalten gegenüber Eltern, Lehrern und Herrschern, um Höflichkeit und Rituale, die das Zusammenleben ordnen. Vieles davon hat sich im modernen China gewandelt, die Aufmerksamkeit für Hierarchie und Ansehen aber ist geblieben.
Geschenke: was passt und was nicht
Wer eingeladen wird, bringt ein kleines Geschenk mit. Gut geeignet sind Dinge aus der Heimat: gute Schokolade, ein Bildband, Wein, regionale Spezialitäten oder Produkte, für die Deutschland bekannt ist. Früchte in einer schönen Verpackung sind in China ebenfalls ein übliches Mitbringsel, Blumen dagegen weniger, und weiße Blumen verbindet man mit Trauer.
Einige Geschenke vermeidet man wegen ihres Klangs oder ihrer Symbolik. Eine Uhr zu schenken, „song zhong“, klingt wie „jemanden bis zum Tod begleiten“. Scheren und Messer stehen für das Durchtrennen einer Beziehung. Birnen werden nicht geteilt, weil „fen li“, eine Birne teilen, wie „sich trennen“ klingt. Die Zahl Vier klingt wie das Wort für Tod und wird bei Geschenken, Zimmernummern und Stockwerken gern gemieden, die Acht dagegen gilt als Glückszahl. Geschenkpapier in Rot oder Gold ist gut, Weiß und Schwarz sind Trauerfarben.
Geschenke werden oft erst nach einem höflichen Ablehnen angenommen, manchmal zwei- oder dreimal. Das ist Bescheidenheit, keine echte Weigerung, und man bietet das Geschenk freundlich ein weiteres Mal an. Ausgepackt wird häufig nicht im Beisein des Schenkenden, sondern später. Überreicht wird ein Geschenk, wie eine Visitenkarte, mit beiden Händen. Bei Geschäftskontakten sind die Geschenke bescheidener geworden, weil viele Unternehmen und Behörden strenge Regeln gegen zu teure Präsente haben; ein Buch oder eine Spezialität aus der eigenen Region wirkt dort angemessener als ein Luxusartikel.
Zu Gast in einer chinesischen Wohnung
Eine Einladung nach Hause ist in China eine besondere Geste, denn geschäftliche und viele private Treffen finden im Restaurant statt. Wer eingeladen wird, kommt pünktlich oder wenige Minuten früher und bringt ein Geschenk mit. An der Wohnungstür zieht man in den meisten Haushalten die Schuhe aus, oft stehen Hausschuhe für Gäste bereit. Ein Blick auf das Schuhregal neben der Tür zeigt, was erwartet wird.
Der Gastgeber bietet Tee oder heißes Wasser an, und das Glas wird immer wieder aufgefüllt. Wer genug hat, lässt einfach einen Rest stehen. Beim Essen gelten dieselben Regeln wie im Restaurant, nur familiärer: Ältere Familienmitglieder beginnen, und Gäste werden mit Speisen versorgt, oft mehr, als sie essen können. Lob für das Essen ist immer willkommen, auch wenn es mit einem bescheidenen Abwinken beantwortet wird.
Beim Abschied begleitet der Gastgeber die Gäste häufig bis zur Tür, zum Aufzug oder sogar bis auf die Straße. Ein kurzes Dankeschön per WeChat am nächsten Tag ist eine gute Geste und wird gern gesehen.
Tischsitten im Restaurant
Das Essen ist in China ein geselliges Ereignis. Die Speisen stehen in der Mitte, oft auf einer Drehplatte, und jeder bedient sich. Der Gastgeber bestellt, legt Gästen besonders gute Stücke auf den Teller und sorgt dafür, dass immer genug auf dem Tisch steht. Wer den Teller ganz leer isst, signalisiert, dass es zu wenig war, und bekommt nachgereicht; ein kleiner Rest ist deshalb höflich.
Beim Umgang mit Stäbchen gibt es zwei Regeln, die man kennen sollte: Stäbchen steckt man nie senkrecht in eine Schale Reis, weil das an Räucherstäbchen bei Beerdigungen erinnert, und man zeigt mit ihnen nicht auf andere Menschen. Mit den Stäbchen im Essen zu stochern oder sie abzulecken, gilt ebenfalls als unschön.
Bei Banketten wird angestoßen, oft mit Bier, Wein oder Baijiu, dem kräftigen Getreideschnaps. „Ganbei“ heißt wörtlich „trockenes Glas“. Wer nicht trinken möchte, stößt mit Tee oder Saft an, das wird akzeptiert, wenn es freundlich erklärt wird. Beim Anstoßen mit Ranghöheren hält man das eigene Glas etwas tiefer. Bezahlt wird meist von einer Person, und ein kleiner Wettstreit darum, wer zahlen darf, gehört dazu. Trinkgeld ist in chinesischen Restaurants unüblich, mehr dazu auf der Seite zum Trinkgeld in China. Einen Überblick über die Regionalküchen bietet die Seite zum chinesischen Essen.
Handeln auf Märkten: wo es üblich ist und wo nicht
Handeln ist in China kein Überall-Recht, sondern eine Frage des Ortes. Üblich und erwartet ist es auf Märkten für Kleidung, Taschen, Elektronikzubehör, Souvenirs, Kunsthandwerk und Antiquitäten. Bekannte Beispiele sind der Seidenmarkt Xiushui und der Panjiayuan-Markt in Peking, die Antiquitäten- und Trödelmärkte in Shanghai und die Souvenirstände in touristischen Altstädten. Dort sind die ersten Preise oft deutlich höher als der Betrag, zu dem am Ende verkauft wird.
Feste Preise gelten dagegen in Kaufhäusern, Supermärkten, Markenläden, Restaurants, an Eintrittskassen, im Taxi mit Taxameter, bei Fahrten über Didi und bei allem, was über eine App gebucht wird. Wer dort handelt, sorgt für Verwirrung, nicht für Rabatt. In kleinen Läden und bei Straßenhändlern ohne Preisschild ist die Grenze fließend; eine freundliche Frage nach einem besseren Preis ist dort meist in Ordnung.
Beim Handeln helfen einige Grundsätze. Zuerst den Preis erfragen, dann ein eigenes Angebot machen, das deutlich darunter liegt, und sich in Schritten annähern. Freundlich bleiben, lächeln, nicht drängeln. Wer kein Interesse mehr hat, geht weiter, oft ruft der Händler dann einen niedrigeren Preis hinterher. Wichtig ist die Verbindlichkeit: Wer einen Preis vorschlägt und der Händler zustimmt, sollte kaufen. Einen genannten Preis danach auszuschlagen, kostet den Händler Gesicht und gilt als unfair. Sprachprobleme sind beim Handeln selten ein Hindernis: Fast jeder Händler hat einen Taschenrechner oder das Handy zur Hand, auf dem die Zahlen hin- und hergereicht werden, und wer die chinesischen Handzeichen für die Zahlen kennt, erntet oft ein anerkennendes Lachen und manchmal einen etwas besseren Preis.
Beim Kauf vermeintlicher Antiquitäten ist Vorsicht angebracht, denn ein großer Teil des Angebots auf Märkten besteht aus Reproduktionen. Echte ältere Kulturgüter unterliegen zudem Ausfuhrbeschränkungen. Wer auf dem Antiquitätenmarkt in Shanghai stöbert, kauft am besten, was gefällt, und nicht, was als wertvoll angepriesen wird.
Kleine Regeln im Alltag
Im Alltag gibt es weitere Gewohnheiten, die Reisende kennen sollten. Menschen fotografiert man nur nach Nachfrage, besonders ältere Leute, Mönche und Angehörige ethnischer Minderheiten. In Tempeln spendet man, wenn man möchte, in den dafür vorgesehenen Kästen und verhält sich ruhig. Politische Diskussionen mit Unbekannten, besonders über Taiwan, Tibet oder Xinjiang, führt man besser nicht; sie bringen weder Gesprächspartner noch Reisende weiter.
Beim Anstehen geht es in manchen Situationen lebhafter zu als in Deutschland, an Bahnhöfen und in der Metro hat sich die Ordnung in den letzten Jahren aber deutlich verbessert, auch dank markierter Wartezonen. Lautes Sprechen in der Öffentlichkeit wird weniger als unhöflich empfunden als in Deutschland, und ein Nebentisch, an dem kräftig gefeiert wird, ist im Restaurant normal. Mehr über den Alltag im Land steht auf der Seite Alltag in China.
Und eine letzte Beobachtung: Komplimente werden in China gern abgewehrt. Wer das Chinesisch eines Gastgebers lobt oder das Essen seiner Mutter, hört oft „nali, nali“, wörtlich „wo denn, wo denn“, was so viel heißt wie „ach, das ist doch nichts“. Genau so reagiert man auch selbst, wenn das eigene holprige „xie xie“ als perfektes Chinesisch gelobt wird.
FAQHäufige Fragen
Was sollte man in China als Geschenk nicht mitbringen?
Uhren, besonders Wanduhren und Wecker, weil „eine Uhr schenken“ im Chinesischen wie „jemanden in den Tod begleiten“ klingt. Auch Scheren und Messer, die für das Durchtrennen einer Beziehung stehen, und Geschenke in Vierergruppen gelten als unglücklich. Weißes oder schwarzes Geschenkpapier ist ebenfalls keine gute Wahl.
Wie überreicht man in China eine Visitenkarte?
Mit beiden Händen, die Schrift dem Gegenüber zugewandt, bei zweisprachigen Karten mit der chinesischen Seite nach oben. Eine erhaltene Karte liest man kurz, legt sie vor sich auf den Tisch und steckt sie nicht sofort in die Hosentasche.
Wo darf man in China handeln?
Auf Märkten für Kleidung, Souvenirs, Kunsthandwerk und Antiquitäten ist Handeln üblich. In Kaufhäusern, Supermärkten, Restaurants, bei Eintrittskarten, im Taxi mit Taxameter und bei Buchungen über Apps gelten feste Preise.
Was bedeutet „Gesicht wahren“ in China?
Das Gesicht, „mianzi“, ist das soziale Ansehen einer Person. Offene Kritik, lautes Schimpfen oder Bloßstellen vor anderen kosten Gesicht, und zwar beide Seiten. Probleme spricht man deshalb ruhig und möglichst unter vier Augen an.
Wer bezahlt in China im Restaurant?
Meist lädt eine Person die ganze Runde ein, oft der Gastgeber oder der Ranghöchste. Getrennte Rechnungen sind unter jungen Leuten verbreiteter geworden, bei Einladungen aber unüblich. Ein kleiner Streit darüber, wer zahlen darf, gehört zum Ritual.
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