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Kultur & Feste

Qixi-Fest, der chinesische Valentinstag

Einmal im Jahr, so erzählt die Legende, bilden die Elstern eine Brücke über die Milchstraße, damit sich der Kuhhirte und die Weberin treffen können. Aus diesem Abend ist in China ein Fest der Liebenden geworden, und die Blumenhändler wissen es.

RedaktionAktualisiert September 2026

Zeichnung in Tusche zum Thema: Qixi-Fest, der chinesische Valentinstag
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An einem Sommerabend in einem Einkaufszentrum in Shanghai stehen junge Männer mit Rosensträußen vor einem Blumenstand Schlange, und in den Restaurants im Obergeschoss ist jeder Tisch für zwei reserviert. Auf den Bildschirmen über den Rolltreppen laufen Werbespots für Schmuck und Parfum, unterlegt mit einem Bild von Elstern über einem Sternenhimmel. Das ist Qixi, das Fest am siebten Abend des siebten Mondmonats, heute als chinesischer Valentinstag bekannt. Hinter dem Werberummel steht eine der ältesten Liebesgeschichten Chinas, und die älteren Bräuche des Festes hatten mit romantischen Abendessen wenig zu tun.

Die Legende vom Kuhhirten und der Weberin

Es gibt viele Fassungen, und die bekannteste geht so. Niulang, der Kuhhirte, ist ein armer Waisenjunge, der von seinem älteren Bruder und dessen Frau schlecht behandelt wird und schließlich mit nichts als einem alten Ochsen aus dem Haus zieht. Der Ochse ist jedoch kein gewöhnliches Tier. Er kann sprechen und erzählt Niulang, dass an einem See in der Nähe Himmelsjungfrauen baden. Eine von ihnen ist Zhinü, die Weberin, eine Enkelin der Himmelsherrscher, die mit ihrer Webkunst die Wolken und das Abendrot webt.

Auf den Rat des Ochsen versteckt Niulang ihre Kleider, sodass sie nicht in den Himmel zurückkehren kann, und die beiden verlieben sich. Sie heiraten, leben glücklich auf der Erde und bekommen einen Sohn und eine Tochter. Die Weberin aber fehlt im Himmel, die Wolken bleiben ungewebt, und die Königinmutter des Westens, in manchen Fassungen der Jadekaiser, lässt sie zurückholen. Niulang will ihr folgen. Der sterbende Ochse sagt ihm, er solle sich aus seiner Haut einen Mantel machen, der ihn fliegen lasse. Mit den beiden Kindern in zwei Körben an einer Tragstange fliegt Niulang hinterher.

Als er Zhinü fast erreicht hat, zieht die Königinmutter mit ihrer Haarnadel einen breiten Strich über den Himmel, und daraus wird ein reißender Fluss, die Milchstraße. Seitdem stehen die beiden auf verschiedenen Seiten. Doch ihre Liebe rührt die Elstern der ganzen Welt, und einmal im Jahr, am siebten Tag des siebten Monats, fliegen sie hinauf und bilden mit ihren Körpern eine Brücke, auf der sich das Paar treffen kann. Wer an diesem Tag auf der Erde keine Elstern sieht, weiß, wo sie sind. Und wenn es in der Nacht regnet, sagen ältere Leute, weint die Weberin beim Abschied.

Sterne, Gedichte und eine sehr alte Geschichte

Die Legende ist am Himmel abzulesen. Die Weberin ist Wega, der hellste Stern im Sternbild Leier, der Kuhhirte ist Altair im Adler, flankiert von zwei schwächeren Sternen, die seine Kinder in den Körben sind. Zwischen beiden zieht sich die Milchstraße, im Chinesischen der Silberfluss. An Sommerabenden stehen die beiden Sterne hoch am Himmel und bilden zusammen mit Deneb im Schwan das sogenannte Sommerdreieck, das man auch in Deutschland gut sieht.

Die Sterne selbst werden schon im Buch der Lieder, der ältesten chinesischen Gedichtsammlung, erwähnt, und in der Han-Zeit erzählt eines der “Neunzehn alten Gedichte” von der Weberin, die den ganzen Tag am Webstuhl sitzt und kein Muster zustande bringt, weil sie über den klaren, seichten Fluss hinweg nach dem Kuhhirten sieht. Schon damals war die Geschichte also im Kern vorhanden. Die Einzelheiten mit dem Ochsen, den Kleidern und der Elsternbrücke kamen später hinzu.

Das berühmteste Qixi-Gedicht stammt von Qin Guan, einem Dichter der Song-Zeit, und heißt “Die Unsterbliche von der Elsternbrücke”. Seine Schlusszeilen werden in China auf Grußkarten und in Liebesbriefen zitiert: Wenn die Liebe zweier Menschen lange währt, was braucht es da, Morgen für Morgen und Abend für Abend beisammen zu sein? Es ist ein Trost für Paare, die weit voneinander entfernt leben, und davon gibt es in einem Land mit vielen Millionen Wanderarbeitern und Fernbeziehungen viele.

Die Geschichte ist nicht nur chinesisch. In Japan wird sie als Tanabata gefeiert, mit bunten Papierstreifen voller Wünsche an Bambuszweigen, in Korea als Chilseok. Wer schon einmal in Japan im Sommer die bunten Tanabata-Dekorationen gesehen hat, kennt das Fest also bereits in einer seiner Formen.

Die alten Bräuche: Nadeln, Spinnen und Wasser

Früher war Qixi vor allem ein Fest der jungen Frauen und Mädchen. Es hieß auch Qiqiao-Fest, das Fest, an dem man um Geschicklichkeit bittet, oder schlicht das Fest der Töchter. Die Weberin galt als Schutzpatronin aller Handarbeit, und da Nähen, Weben und Sticken zu den wichtigsten Fertigkeiten einer Frau gehörten und bei der Brautwahl eine Rolle spielten, war die Bitte um Geschick zugleich eine Bitte um eine gute Heirat.

In der Nacht stellten die Frauen einen Tisch in den Hof, legten Obst, Melonen, Blumen und kleine frittierte Teigstücke als Opfer darauf und beteten zur Weberin. Dann folgten die Wettbewerbe. Im Mondlicht fädelten sie Fäden durch Nadeln mit mehreren Öhren, und wer es als Erste schaffte, galt als besonders geschickt. In der Ming- und Qing-Zeit ließ man eine Nadel auf einer Schale mit Wasser schwimmen, das tagsüber in der Sonne gestanden hatte, und deutete die Form ihres Schattens am Grund. Ein Schatten wie eine Blume oder eine Wolke bedeutete Geschick, einer wie ein dicker Stock das Gegenteil.

Ein anderer Brauch, der bis in die Tang-Zeit zurückgeht, war die Spinne im Kästchen. Man setzte am Abend eine kleine Spinne in eine Schachtel und sah am Morgen nach, wie dicht und regelmäßig ihr Netz war. Je feiner das Netz, desto mehr Geschick hatte die Weberin der Besitzerin verliehen. In Teilen Südchinas färbten sich Mädchen an diesem Tag die Fingernägel mit dem Saft von Balsaminenblüten. Für Jungen und Schüler war der Tag übrigens ebenfalls wichtig, denn er galt als Geburtstag von Kuixing, dem Gott der Prüfungen und Gelehrten, den man um Erfolg im Examen bat.

Zum Fest gehörte auch ein eigenes Gebäck, die Qiaoguo, kleine frittierte oder gebackene Teigstücke, die man in Holzmodeln zu Blumen, Fischen oder Figuren formte. In Shandong und in Teilen Nordchinas werden sie bis heute gebacken, oft von Großmüttern mit ihren Enkelinnen, und an Schnüren aufgereiht den Kindern um den Hals gehängt.

Die Elster als Glücksvogel

Dass ausgerechnet Elstern die Brücke bilden, ist kein Zufall. In Europa gilt die Elster als diebisch und Unglück bringend, in China ist sie das Gegenteil. Ihr Name, xique, enthält das Schriftzeichen xi, Freude, und ihr Ruf kündigt nach dem Volksglauben gute Nachrichten oder Besuch an. Auf Neujahrsbildern, Porzellan und Hochzeitsgeschenken sitzt oft eine Elster auf einem blühenden Pflaumenzweig, ein Bild, das sich als “Freude bis in die Augenbrauen” lesen lässt, weil das Wort für Pflaume ähnlich klingt wie das für Augenbraue. Wer in Peking am frühen Morgen durch einen Park geht, hört die Elstern überall, denn sie gehören zu den häufigsten Vögeln der Stadt.

Wo die alten Bräuche heute noch lebendig sind

Die traditionellen Formen sind in den Städten weitgehend verschwunden, werden aber an einigen Orten gezielt gepflegt. Qixi steht seit 2006 auf der ersten Liste des nationalen immateriellen Kulturerbes, und mehrere Gemeinden haben ihre eigenen Bräuche eintragen lassen. Im Kreis Xihe in der Provinz Gansu feiern Frauen ein mehrtägiges Qiqiao-Fest mit Gesängen, Tänzen und Opfern für die Weberin, eines der am besten erhaltenen Beispiele. In Guangzhou, im Dorf Zhucun im Bezirk Tianhe, stellen Frauen zu Qixi aufwendige Kunsthandwerke aus, kleine Szenen aus Papier, Stoff und Samenkörnern, die über Wochen gefertigt werden.

In Tempeln, besonders im Süden, werden die Weberin und die “Sieben Schwestern” verehrt, ihre Geschwister aus dem Himmel. Wer die daoistische und volkstümliche Götterwelt besser verstehen will, in der diese Figuren zu Hause sind, findet eine Einführung auf den Seiten über den Daoismus und die Religionen Chinas.

Qixi heute: Rosen, Restaurants und Standesämter

Seit den 2000er-Jahren ist Qixi vor allem ein kommerzieller Liebestag geworden, befeuert von Händlern, die nach einem chinesischen Gegenstück zum 14. Februar suchten. Paare gehen essen, ins Kino oder schenken sich Blumen, Schokolade und Schmuck. Rosen werden an diesem Tag spürbar teurer, und Onlinehändler werben wochenlang mit Qixi-Aktionen. Manche Paare feiern inzwischen beide Valentinstage, den westlichen und den chinesischen, und dazu noch den 20. Mai, weil die Zahlenfolge 520 ähnlich klingt wie “wo ai ni”, die chinesische Liebeserklärung.

Eine auffällige Folge ist der Andrang auf den Standesämtern. Viele Paare wählen Qixi als Hochzeitstag, weil das Datum Glück verspricht, und in manchen Städten müssen Paare dafür frühzeitig einen Termin buchen. Auch die Heiratsmärkte in Parks, auf denen Eltern für ihre unverheirateten Kinder nach einem Partner suchen, sind um Qixi herum besonders belebt; der Beitrag über den Alltag in China beschreibt den bekanntesten im Volkspark von Shanghai.

Nicht alle sind mit dieser Entwicklung glücklich. Volkskundler und Kulturverbände kritisieren, dass die Umdeutung zum Valentinstag das eigentliche Fest verdrängt habe, das ein Fest der Frauen und der Handarbeit war, und die Geschichte selbst ist ja keine glückliche Liebesgeschichte, sondern eine von Trennung. In Schulen und Museen gibt es deshalb Programme, die an die alten Bräuche erinnern.

Was Reisende zu Qixi erleben

Für Reisende ist Qixi ein leicht zu übersehendes Fest. Es ist kein Feiertag, Verkehr und Geschäfte laufen normal, und außer Blumenständen, Dekorationen in Einkaufszentren und ausgebuchten Restaurants ändert sich wenig. Wer an diesem Abend in einer Großstadt ohne Reservierung in einem beliebten Restaurant essen möchte, hat schlechte Karten. Kleine Lokale und Garküchen sind davon kaum betroffen. Sichtbar wird das Fest dagegen in historischen Gärten und Altstädten: Junge Paare, oft in Hanfu, der wiederentdeckten Kleidung früherer Dynastien, lassen sich dort vor Pavillons und Brücken fotografieren, und manche Gärten veranstalten an diesem Abend Laternen- oder Musikprogramme. In Suzhou, Hangzhou oder im Yuyuan-Garten in Shanghai ist das besonders häufig zu sehen.

Das Fest fällt in den Hochsommer, in die Zeit der Schulferien, in der Hitze, Regen und volle Sehenswürdigkeiten in weiten Teilen Chinas zusammenkommen. Welche Regionen sich im August eher lohnen, beschreibt der Beitrag zur Reisezeit in China. Eine Woche nach Qixi folgt das Geisterfest, und im Frühherbst kommt das Mondfest; der Festkalender auf der Seite zum Laternenfest zeigt die Termine.

Wer die Sterne der Legende selbst sehen will, braucht vor allem einen dunklen Ort. In den großen Städten verschwinden selbst Wega und Altair oft im Dunst, und die Milchstraße ist gar nicht zu sehen. Auf dem Land, im Hochland von Yunnan oder Qinghai, zieht sich der Silberfluss dagegen in klaren Sommernächten deutlich sichtbar über den Himmel, und die beiden hellen Sterne links und rechts davon sind leicht zu finden. Am späten Abend steht das Sommerdreieck fast senkrecht über dem Kopf, und dann reicht ein Blick nach oben.

FAQHäufige Fragen

Wann ist das Qixi-Fest?

Qixi fällt auf den 7. Tag des siebten Monats im chinesischen Mondkalender. Im westlichen Kalender liegt es meist im August, gelegentlich Ende Juli oder Anfang September. Die Termine der kommenden Jahre stehen im Festkalender auf der Seite zum Laternenfest.

Ist Qixi ein Feiertag in China?

Nein. Qixi ist kein gesetzlicher Feiertag, Geschäfte und Behörden arbeiten normal. Gefeiert wird am Abend, vor allem von Paaren in Restaurants, Kinos und Einkaufszentren.

Welche Sterne sind Niulang und Zhinü?

Die Weberin Zhinü ist der helle Stern Wega im Sternbild Leier, der Kuhhirte Niulang ist Altair im Sternbild Adler. Die beiden schwächeren Sterne neben Altair gelten als die Kinder, die er in zwei Körben trägt. Zwischen Wega und Altair verläuft die Milchstraße, die im Chinesischen Silberfluss heißt.

Warum heißt Qixi auch Fest der Geschicklichkeit?

Früher baten junge Frauen an diesem Abend die Weberin um Geschick im Nähen, Weben und Sticken, eine Tradition namens qiqiao, das Erbitten von Geschicklichkeit. Sie fädelten im Mondlicht Fäden durch Nadeln, ließen Nadeln auf Wasser schwimmen und deuteten deren Schatten. Mit dem Wunsch nach Geschick verband sich oft der nach einem guten Ehemann.

Ist Qixi dasselbe wie das japanische Tanabata?

Beide Feste gehen auf dieselbe Legende vom Kuhhirten und der Weberin zurück, die im Lauf der Jahrhunderte von China nach Japan gelangte. In Japan wird Tanabata meist nach dem westlichen Kalender gefeiert, mit Wunschzetteln an Bambuszweigen. In China richtet sich Qixi weiter nach dem Mondkalender und ist heute vor allem ein Tag für Paare.

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