Am Oberen Tigersprung, wo der Fluss am engsten ist, liegt mitten im Wasser ein großer Felsblock. Von ihm soll sich der Legende nach ein Tiger, von Jägern verfolgt, mit einem Sprung ans andere Ufer gerettet haben. Die Stelle ist wenige Dutzend Meter breit, das Wasser darunter tobt, und in der Regenzeit ist das Rauschen so laut, dass man sich auf der Aussichtsplattform anschreien muss.
Die Tigersprungschlucht liegt im Nordwesten der Provinz Yunnan, zwischen Lijiang und Shangri-La. Hier bricht der Jinsha, der „Goldsandfluss“, wie der Oberlauf des Yangtze in China heißt, zwischen dem Jadedrachen-Schneeberg und dem Haba-Schneeberg hindurch. Beide Massive erreichen weit über 5.000 Meter, der Fluss liegt tief unter ihnen, und von den Gipfeln bis zum Wasser misst die Schlucht fast 3.800 Meter. Sie ist gut 15 Kilometer lang und wird in eine obere, eine mittlere und eine untere Schlucht geteilt.
Vor der Wanderung: Jahreszeit und Kondition
Die beste Zeit liegt in der Trockenzeit, vor allem im Oktober und November und von März bis Mai. Dann ist die Sicht auf die Schneeberge klar, die Wege sind trocken und das Steinschlagrisiko ist geringer. Im Winter ist die Wanderung möglich, die Nächte in den Gästehäusern sind aber kalt, und nicht jedes Haus ist beheizt.
Die Regenzeit von etwa Juni bis September ist die heikle Zeit. Starke Niederschläge lösen an den steilen Hängen Erdrutsche und Steinschlag aus, Wege werden verschüttet, Straßen gesperrt. Das bedeutet nicht, dass man im Sommer nicht wandern kann, aber man sollte beweglich planen und einen Puffertag einrechnen.
Konditionell verlangt der Höhenweg eine durchschnittliche Wanderfitness. Der Weg beginnt auf rund 1.800 Metern, steigt am ersten Tag deutlich an und erreicht nach dem steilsten Abschnitt seinen höchsten Punkt auf über 2.500 Metern. Wer aus Lijiang anreist und dort einige Tage verbracht hat, ist an die Höhe gewöhnt. Wer direkt aus dem Flachland kommt, merkt die dünnere Luft am Anstieg. Allgemeine Hinweise zum Umgang mit der Höhe stehen auf der Seite zur Gesundheit in China, Überlegungen zur Route durch die Provinz auf der Seite zu Yunnan.
Höhenweg oder Straße?
Durch die Schlucht führen zwei Wege auf derselben Seite, übereinander. Unten, näher am Fluss, verläuft eine Straße, die mit Bussen und Autos befahren wird. Oben, an der Flanke des Haba-Schneebergs, verläuft der Höhenweg, ein alter Pfad, der Dörfer und Weiden verbindet.
Die Straße ist bequemer, bietet Aussichtspunkte und den Zugang zum Oberen Tigersprung. Sie wird aber häufig ausgebaut, ist staubig und in der Regenzeit von Steinschlag besonders betroffen, weil der Hang über ihr steil ist und ungesichert. Als Wanderweg ist sie keine gute Wahl.
Der Höhenweg ist der Grund, warum Wanderer aus aller Welt hierher kommen. Er führt durch Dörfer der Naxi, an Terrassenfeldern und Walnussbäumen vorbei, über Wiesen mit Ziegen, und immer wieder öffnet sich der Blick über die Schlucht auf die Felswände des Jadedrachen-Schneebergs gegenüber. Die Markierungen sind einfach, meist gemalte Pfeile auf Steinen und Mauern, die Orientierung ist dennoch nicht schwierig.
Der Verlauf des Höhenwegs
Der Weg beginnt bei Qiaotou am westlichen Eingang der Schlucht. Die ersten Stunden steigen gleichmäßig an, durch Felder und kleine Siedlungen, bis zu einem Abschnitt, der unter dem Namen „28 Kehren“ bekannt ist. Das ist der anstrengendste Teil der ganzen Wanderung: ein steiler Zickzackpfad, der in praller Sonne oder bei Nebel gleichermaßen mühsam ist. Am unteren Ende warten Einheimische mit Pferden und Maultieren, die Wanderern und ihrem Gepäck den Anstieg abnehmen. Oben belohnt der erste große Blick in die Schlucht.
Danach verläuft der Weg lange auf ungefähr gleicher Höhe, mit kleineren Auf- und Abstiegen, bis er gegen Ende zur mittleren Schlucht absteigt. Unterwegs liegen mehrere Gästehäuser, in denen die meisten Wanderer die Nacht verbringen. Der zweite Tag ist kürzer und endet an der Straße in der mittleren Schlucht, von wo aus Kleinbusse zurück nach Qiaotou, nach Lijiang oder nach Shangri-La fahren.
Wer noch Kraft hat, steigt von der mittleren Schlucht zum Fluss ab. Die Wege dorthin sind steil, teilweise mit Leitern gesichert, und werden von Familien aus den Dörfern unterhalten, die dafür eine kleine Gebühr verlangen. Unten steht man direkt am tobenden Wasser, auf Felsen, die in der Regenzeit überspült werden können. Der Aufstieg zurück dauert länger, als man denkt.
Einige Wanderer gehen weiter bis zum Dorf Walnussgarten am Ende der mittleren Schlucht und von dort in die untere Schlucht, die ruhiger und weniger besucht ist.
Jenseits der Schlucht: Haba und Baishuitai
Über dem Höhenweg, auf der anderen Seite des Haba-Schneebergs, liegt das Dorf Haba, ein Ausgangspunkt für die Besteigung des Gipfels, die allerdings Erfahrung am Berg, Ausrüstung und Begleitung verlangt. Weiter nördlich liegt Baishuitai, eine Folge weißer Kalksinterterrassen, über die Quellwasser in flachen Becken abfließt. Für die Naxi ist der Ort heilig; hier soll der Überlieferung nach der Begründer der Dongba-Religion gewirkt haben. Beide Orte lassen sich mit der Schlucht zu einer mehrtägigen Runde verbinden, auf dem Weg nach Shangri-La. Sie sind deutlich weniger besucht, die Straßen dorthin sind kurvig und in der Regenzeit anfällig.
Was in den Rucksack gehört
Die Wanderung braucht keine Spezialausrüstung, aber eine vernünftige Grundausstattung. Bewährt haben sich:
- feste Wanderschuhe mit griffiger Sohle, weil der Pfad an vielen Stellen aus losem Geröll besteht
- zwei Liter Wasser pro Person für den ersten Tag, denn Verkaufsstände gibt es nur an wenigen Stellen
- Regenjacke, warme Schicht und Mütze, auch im Frühling und Herbst
- Sonnenbrille, Sonnencreme und ein Hut
- Stirnlampe, Powerbank und ein kleines Erste-Hilfe-Set mit Blasenpflaster
- Reisepass für Eintritt und Gästehaus sowie etwas Bargeld in kleinen Scheinen
Gästehäuser unterwegs
Die Unterkünfte auf dem Höhenweg sind einfache Familienbetriebe, meist Häuser mit einigen Zimmern, einer Terrasse mit Blick in die Schlucht und einer Küche, die chinesische und westliche Gerichte kocht. Die Zimmer sind sauber, aber einfach, nicht immer beheizt und mit wechselnder Warmwasserversorgung. Viele Häuser haben inzwischen WLAN, der Mobilfunkempfang ist auf großen Teilen des Weges ordentlich.
In der Hauptsaison und an Feiertagen sind die Häuser mit dem besten Blick früh belegt. Wer sicher gehen will, reserviert die erste Nacht über die Buchungsplattformen oder telefonisch über das Gästehaus in Qiaotou, bei dem man das Gepäck lässt. Außerhalb der Saison findet man meist spontan ein Bett.
Bargeld ist nützlich. Die Gästehäuser akzeptieren meist mobile Zahlung, die kleinen Gebühren an den Pfaden zum Fluss, die Maultiertreiber und die Stände am Weg manchmal nicht. Einige Scheine in kleiner Stückelung gehören deshalb in den Rucksack.
Sicherheit: Steinschlag, Wetter, Abgründe
Die Tigersprungschlucht ist kein alpines Gelände, aber sie ist ein Hochgebirge mit instabilen Hängen. Steinschlag ist die größte Gefahr, auf der Straße noch mehr als auf dem Höhenweg. Nach starkem Regen und in der Regenzeit sollte man Abschnitte mit frischen Geröllspuren zügig und ohne Pause durchqueren und nicht unter steilen Hängen rasten. Es gab in der Vergangenheit Wegsperrungen nach Erdrutschen; der Zustand ändert sich von Jahr zu Jahr. Vor dem Aufbruch fragt man im Gästehaus in Qiaotou nach dem aktuellen Stand. Die Wirte kennen ihn besser als jede Website.
Einige Stellen des Höhenwegs sind ausgesetzt, mit steilem Abfall neben dem Pfad. Mit festem Schuhwerk und Aufmerksamkeit sind sie unproblematisch. Bei Nebel, Nässe oder Dunkelheit werden sie gefährlich. Man plant so, dass man das Gästehaus vor der Dämmerung erreicht, und nimmt eine Stirnlampe mit.
Das Wetter kann schnell umschlagen. Auch an einem sonnigen Morgen gehören Regenjacke und eine warme Schicht in den Rucksack, dazu Sonnenschutz, weil die Strahlung in dieser Höhe stark ist. Was sich je nach Jahreszeit bewährt, beschreibt die Seite zu Kleidung und Packliste.
Alleingänger sollten jemandem ihre Route mitteilen, etwa dem Gästehaus, in dem sie das Gepäck lassen. Der Weg ist belebt genug, dass man selten lange allein ist, aber abseits der Hauptroute, auf Abkürzungen oder beim Abstieg zum Fluss, kann das anders sein.
Eintritt und Genehmigungen
Für das Gebiet der Tigersprungschlucht wird Eintritt verlangt. Die Kasse liegt am Zugang bei Qiaotou und an der Straße, die Karte wird mit dem Reisepass ausgestellt und gegebenenfalls unterwegs kontrolliert. Aktuelle Preise und Regeln vor Ort prüfen. Eine gesonderte Genehmigung für Ausländer, wie sie für die Autonome Region Tibet gilt, braucht man hier nicht; die Schlucht liegt in Yunnan und ist mit den normalen Einreisebedingungen zugänglich.
Die kleinen Gebühren auf den Wegen zum Fluss in der mittleren Schlucht sind keine offiziellen Tickets, sondern Abgaben der Familien, die diese Pfade gebaut haben und pflegen. Sie sind gering, und es gehört zum Anstand, sie zu zahlen.
Anreise und Weiterreise
Qiaotou erreicht man von Lijiang aus in etwa zwei Stunden mit Bus oder Auto, ebenso von Shangri-La. Die Schlucht liegt damit genau auf der Strecke zwischen beiden Orten und lässt sich gut als Etappe einbauen: in Lijiang starten, zwei Tage wandern, dann mit einem Kleinbus von der mittleren Schlucht nach Shangri-La weiterfahren, wo das Kloster Songzanlin auf die Wanderer wartet; mehr dazu auf der Seite zum Kloster Songzanlin.
Wer die Bahn nutzt, steigt an der Strecke zwischen Lijiang und Shangri-La an einer der Stationen in der Nähe aus und fährt mit dem Taxi zum Ausgangspunkt. Die Verbindungen ändern sich; die Gästehäuser in Qiaotou helfen bei der Organisation.
Ein Fluss, über den gestritten wird
Seit den 2000er Jahren wird immer wieder über ein Wasserkraftwerk am Jinsha diskutiert, das die Schlucht teilweise fluten würde. Umweltschützer, Wissenschaftler und Bewohner der Dörfer, die hätten umgesiedelt werden müssen, protestierten, und die Pläne wurden bisher nicht umgesetzt. Weiter flussabwärts sind am Jinsha allerdings mehrere große Staudämme entstanden. Wer heute durch die Schlucht wandert, sieht einen der wenigen Abschnitte des Oberlaufs, an denen der Fluss noch ungebremst fließt.
Für wen sich die Schlucht eignet
Für alle, die gern wandern und zwei Tage übrig haben, ist der Höhenweg die lohnendste Unternehmung in Yunnan. Wer nicht wandern möchte, sollte trotzdem zum Oberen Tigersprung fahren, das Tosen hören und den Felsen sehen. Mit Kindern ist der Höhenweg machbar, sofern sie trittsicher sind und man die ausgesetzten Stellen an der Hand geht. Wer mit wenig Zeit unterwegs ist, kann auch nur den ersten Tag bis zum Aussichtspunkt oberhalb der 28 Kehren gehen und auf demselben Weg zurückkehren; der schönste Teil des Weges liegt allerdings dahinter, auf dem langen, fast ebenen Abschnitt mit dem Blick auf die Wände gegenüber. Weitere Wanderziele im Land, von den Reisterrassen bis zur Mauer, beschreibt die Seite zum Wandern in China.
Wer früh in Qiaotou aufbricht, erreicht die 28 Kehren, bevor die Sonne voll auf den Hang fällt. Das spart Wasser, Kraft und Laune, und oben ist das Licht am Vormittag ohnehin besser für den Blick nach Osten.
FAQHäufige Fragen
Wie lange dauert die Wanderung auf dem Höhenweg?
Die meisten Wanderer gehen den Höhenweg von Qiaotou bis zur mittleren Schlucht in zwei Tagen mit einer Übernachtung in einem Gästehaus unterwegs. Sehr fitte Wanderer schaffen ihn an einem langen Tag, verpassen dann aber das Licht am Abend und am Morgen.
Ist der Höhenweg gefährlich?
Der Weg selbst ist ein gut begehbarer Bergpfad ohne Kletterstellen, mit einigen ausgesetzten Abschnitten. Die größte Gefahr ist Steinschlag, besonders in der Regenzeit und nach starkem Regen. Den Wetterbericht und den Zustand des Weges vor dem Aufbruch in Qiaotou erfragen.
Braucht man einen Führer oder eine Genehmigung?
Einen Führer braucht man für den markierten Höhenweg nicht. Für das Gebiet der Schlucht wird am Zugang eine Eintrittskarte verlangt, für die der Reisepass nötig sein kann. Aktuelle Regeln und Preise vor Ort prüfen.
Wann ist die beste Zeit für die Tigersprungschlucht?
Oktober und November sowie März bis Mai. Dann ist das Wetter meist trocken, die Sicht auf die Schneeberge gut und das Risiko von Erdrutschen geringer. Im Sommer regnet es häufig, im Winter ist es in den Nächten kalt, aber oft klar.
Was macht man mit dem großen Gepäck?
Gästehäuser und Cafés in Qiaotou bewahren Gepäck auf, und manche Kleinbusfahrer bringen es gegen Bezahlung zum Ziel in der mittleren Schlucht. Für die Wanderung selbst genügt ein Tagesrucksack mit Wasser, Regenschutz, warmer Jacke und Verpflegung.
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