An den Bushaltestellen von Dali tragen ältere Frauen der Bai weiße Kopftücher mit langen Fransen und einer farbigen Stickerei, die, wie man ihnen erklärt, für den Wind, die Blumen, den Schnee und den Mond der Region stehen: den Wind von Xiaguan, die Blumen von Shangguan, den Schnee auf dem Cangshan und den Mond über dem Erhai-See. In wenigen Sätzen steckt darin eine Landkarte der Gegend.
Yunnan liegt im äußersten Südwesten Chinas, grenzt an Myanmar, Laos und Vietnam und ist eine der vielfältigsten Provinzen des Landes. Im Süden wächst tropischer Regenwald, im Nordwesten stehen Gletscher über 6.000 Meter hoch. Dazwischen liegen Hochebenen mit Seen, tiefe Flusstäler und Kleinstädte, in denen verschiedene Völker nebeneinander leben. Von den 55 offiziell anerkannten Minderheiten Chinas sind in Yunnan 25 mit größeren Bevölkerungsgruppen heimisch, mehr als in jeder anderen Provinz.
Vor der Reise: Höhenlage und Jahreszeit
Die Route durch Yunnan ist vor allem eine Frage der Höhe. Kunming liegt auf rund 1.900 Metern, Dali auf etwa 2.000, Lijiang auf rund 2.400, Shangri-La auf über 3.000 Metern. Wer von Kunming nach Norden reist, steigt also schrittweise auf und gibt dem Körper Zeit. Umgekehrt, mit einem Direktflug nach Shangri-La, ist die Gefahr von Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Atemnot in den ersten Tagen größer. Wer Herz- oder Lungenerkrankungen hat, spricht vorher mit einem Arzt; allgemeine Hinweise zu Gesundheit und Apotheken stehen auf der Seite Gesundheit in China.
Die Jahreszeiten folgen dem Monsun. Von etwa Oktober bis April ist Trockenzeit, der Himmel ist klar, die Schneeberge sind sichtbar, im Winter werden die Nächte in den Höhenlagen aber frostig. Von Mai oder Juni bis September regnet es häufig, oft nachmittags in kräftigen Schauern. Dann ist die Landschaft grün, die Wolken hängen tief, und auf Bergstraßen und Wanderwegen können Erdrutsche auftreten. Für Monatswerte und einen Vergleich mit anderen Regionen hilft die Übersicht zur Reisezeit in China.
Kunming: Stadt des ewigen Frühlings
Kunming ist die Provinzhauptstadt und das Eingangstor nach Yunnan, mit einem großen Flughafen und Bahnverbindungen in alle Richtungen, inzwischen auch bis nach Laos. Die Stadt selbst ist modern und hat wenig Altstadt, aber ein angenehmes Klima und einige Orte, die einen Tag füllen: den Dian-See im Süden, die Westberge über seinem Ufer mit in den Fels gehauenen Pfaden und Tempeln, den Yuantong-Tempel und die Märkte für Blumen und Vögel.
Kunming ist vor allem der Ort, an dem man die Küche Yunnans kennenlernt. Die bekannteste Speise sind die Reisnudeln „über die Brücke“, bei denen rohe Zutaten in eine sehr heiße Brühe gegeben werden. Im Sommer, während der Regenzeit, kommen die Wildpilze auf die Märkte, und in dieser Zeit essen die Menschen in Yunnan Pilze in allen Formen. Das hat eine Kehrseite, die jeder Einheimische kennt: Unzureichend gegarte Pilze bestimmter Sorten lösen Vergiftungen aus, die mit Halluzinationen beginnen. Restaurants wissen, wie sie zubereitet werden. Selbst gesammelte oder am Straßenrand gekaufte Pilze sollte man als Reisender nicht kochen.
Der Steinwald
Etwa eineinhalb Autostunden südöstlich von Kunming liegt der Steinwald Shilin, eine Landschaft aus grauen Kalksteinsäulen, die wie versteinerte Bäume dicht beieinanderstehen. Er entstand durch Verwitterung und Auswaschung und gehört seit 2007 zur Welterbestätte des südchinesischen Karsts. In der Gegend leben die Sani, eine Untergruppe der Yi. Ihre Legende von Ashima, einem Mädchen, das zu Stein wurde, wird an einem der Felsen erzählt. Der Hauptteil ist stark besucht, die Randbereiche sind ruhiger. Mehr steht auf der Seite zum Steinwald Shilin.
Dali: Bai, Erhai-See und die drei Pagoden
Die Altstadt von Dali liegt zwischen dem Bergmassiv des Cangshan und dem langgestreckten Erhai-See. Sie war das Zentrum zweier Königreiche, Nanzhao und Dali, die das Gebiet vom 8. bis zum 13. Jahrhundert beherrschten, bis die Mongolen es 1253 eroberten. Aus dieser Zeit stammen die drei Pagoden des Chongsheng-Klosters nördlich der Altstadt, deren höchste aus dem 9. Jahrhundert stammt.
Die Altstadt selbst ist heute stark auf Besucher eingestellt, mit Cafés, Gästehäusern und Läden. Ruhiger sind die Dörfer am Seeufer, etwa Xizhou mit gut erhaltenen Wohnhöfen der Bai, deren weiße Wände mit Malereien geschmückt sind. In Zhoucheng wird Stoff mit einer traditionellen Abbindetechnik blau gefärbt. Am schönsten erlebt man den Erhai-See mit dem Fahrrad oder Elektroroller entlang des Ufers, wobei manche Abschnitte zum Schutz des Sees für Fahrzeuge gesperrt sind.
Wer bei den Bai eingeladen wird, bekommt vielleicht den Tee der drei Gänge: einen bitteren, einen süßen und einen mit nachklingendem Aroma, als Sinnbild für ein Leben, das man erst im Rückblick versteht.
Lijiang: Naxi, Dongba-Schrift und Jadedrachen-Schneeberg
Lijiang liegt auf einer Hochebene unter dem Jadedrachen-Schneeberg, dessen höchster Gipfel 5.596 Meter erreicht. Die Altstadt mit ihren Kanälen, Steinbrücken und Holzhäusern gehört seit 1997 zum Weltkulturerbe. Ein Jahr zuvor hatte ein Erdbeben die Stadt schwer getroffen; die traditionellen Holzbauten überstanden es besser als viele Betonbauten. Heute ist Lijiang eine der meistbesuchten Kleinstädte Chinas, tagsüber sehr voll und abends laut von Bars.
Die Naxi, die hier leben, haben mit der Dongba-Schrift ein eigenes Bildschriftsystem, das von Priestern für religiöse Texte genutzt wurde. Die Manuskripte sind als Weltdokumentenerbe verzeichnet. Das Haus der Familie Mu, die über Jahrhunderte die Region regierte, und der Park am Schwarzen Drachenteich mit dem Blick auf den Schneeberg gehören zu den Sehenswürdigkeiten. Wer der Menge ausweichen will, zieht in das Dorf Baisha nördlich der Stadt mit Wandmalereien aus der Ming-Zeit oder nach Shuhe, einer kleineren Altstadt am Stadtrand.
Die Fahrt auf den Jadedrachen-Schneeberg mit der Seilbahn führt auf über 4.000 Meter. Für Reisende, die gerade erst angekommen sind, ist das ein großer Sprung. Wer ein paar Tage in Lijiang verbracht hat, verträgt ihn besser.
Abschweifung: Tee, Pferde und die alte Karawanenstraße
Zwischen Dali und Lijiang liegt abseits der Hauptstraße das Dorf Shaxi, das man leicht übersieht. Es war eine Station der Tee-Pferde-Straße, eines Netzes von Karawanenwegen, auf denen über Jahrhunderte gepresster Tee aus dem Süden Yunnans nach Tibet getragen wurde, im Tausch gegen Pferde, Felle und Salz. Der Tee kam aus den Anbaugebieten um Pu’er, deren Name bis heute für den fermentierten Tee in Fladenform steht. In Shaxi sind der Marktplatz mit Theaterbühne, ein Tempel und alte Karawansereien erhalten. Der Ort ist ruhiger als Dali oder Lijiang und eignet sich für eine Übernachtung auf dem Weg nach Norden. Wer in Yunnan Tee kauft, sollte wissen, dass bei Pu’er das Alter und die Herkunft den Preis bestimmen, und dass beides schwer zu überprüfen ist. Für den eigenen Genuss genügt ein junger Fladen aus einem Teegeschäft, das man vorher probieren lässt.
Die Tigersprungschlucht
Nördlich von Lijiang zwängt sich der Jinsha, der Oberlauf des Yangtze, durch eine enge Schlucht zwischen dem Jadedrachen-Schneeberg und dem Haba-Schneeberg. Die Tigersprungschlucht gehört zu den tiefsten Schluchten der Welt und ist das bekannteste Wandergebiet Yunnans. Ein Höhenweg führt an der Nordflanke entlang, mit Übernachtungen in einfachen Gästehäusern unterwegs. Wer nicht wandern will, sieht die Schlucht von der Straße und von Aussichtspunkten am Fluss. Die Wanderung, die Wege und die Sicherheitsfragen beschreibt die Seite zur Tigersprungschlucht im Detail.
Shangri-La: das tibetische Yunnan
Die Stadt, die bis 2001 Zhongdian hieß, trägt heute den Namen Shangri-La, nach dem fiktiven Tal im Roman „Der verlorene Horizont“ von James Hilton aus dem Jahr 1933. Ob Hilton an diese Gegend dachte, ist unklar; der Name war eine touristische Entscheidung. Tibetisch heißt der Ort Gyalthang. Er liegt auf über 3.000 Metern in einem weiten Hochtal und ist Hauptort der Tibetischen Autonomen Präfektur Dêqên.
Das bedeutendste Bauwerk ist das Kloster Songzanlin, 1679 gegründet, eine große Anlage der Gelug-Schule an einem Hang nördlich der Stadt. Morgens gehen Pilger den Weg um das Kloster, und in den Hallen sitzen Mönche beim Gebet. Mehr zur Geschichte und zum Besuch steht auf der Seite zum Kloster Songzanlin. Die Altstadt von Shangri-La, Dukezong, brannte 2014 großteils ab und wurde wieder aufgebaut. In der Umgebung liegen der Nationalpark Pudacuo mit Seen und Wäldern und die Weiden um den Napa-See.
Weiter nördlich, in Dêqên, steht das Meili-Schneegebirge mit dem Kawagebo, dem höchsten Berg Yunnans. Er gilt Tibetern als heilig und ist bis heute unbestiegen. Die drei parallelen Flüsse Jinsha, Lancang und Nu, die hier in tiefen Tälern dicht nebeneinander nach Süden fließen, bilden seit 2003 ein Weltnaturerbe.
Eine Route, die der Höhe folgt
Die übliche Richtung ist Süd nach Nord. Man landet in Kunming, fährt mit dem Zug nach Dali, weiter nach Lijiang und durch die Tigersprungschlucht oder auf der Straße nach Shangri-La. Seit einigen Jahren reicht die Bahn bis Shangri-La, was die Strecke deutlich bequemer macht. Zurück fliegt man ab Shangri-La oder Lijiang nach Kunming oder direkt in andere Städte. Fahrkarten und Züge erklärt die Seite zum Zugfahren in China.
| Etappe | Höhe (ca.) | Sinnvolle Dauer |
|---|---|---|
| Kunming mit Steinwald | 1.900 m | 2 Tage |
| Dali und Erhai-See | 2.000 m | 2 bis 3 Tage |
| Lijiang mit Baisha und Shuhe | 2.400 m | 2 bis 3 Tage |
| Tigersprungschlucht | 1.800 bis über 2.500 m | 2 Tage |
| Shangri-La und Umgebung | 3.200 m | 2 bis 3 Tage |
Wer mehr Zeit hat, ergänzt den Süden: Xishuangbanna an der Grenze zu Laos ist tropisch, von den Dai geprägt und klimatisch das Gegenteil von Shangri-La. Die Reisterrassen der Hani bei Yuanyang im Südosten sind seit 2013 Welterbe und im Winter, wenn die Terrassen geflutet sind, am schönsten. Der Lugu-See an der Grenze zu Sichuan ist die Heimat der Mosuo, deren Familienstruktur über die mütterliche Linie läuft. Alle drei sind eigene Abstecher und lassen sich nicht nebenbei mitnehmen.
Minderheiten: Begegnung ohne Zoo
Die Völker Yunnans sind für viele Reisende der eigentliche Grund der Reise. Zugleich ist hier die Grenze zwischen Kultur und Kulisse oft schwer zu erkennen. In Lijiang und Dali tragen Angestellte von Restaurants und Läden Trachten, die im Alltag der Dörfer längst durch Jeans ersetzt sind. Wer echten Alltag sehen will, geht auf Wochenmärkte in den Dörfern, übernachtet in einem kleinen Gästehaus und fragt, bevor er Menschen fotografiert. Das gilt besonders in tibetischen Gebieten und in Klöstern.
In Yunnan leben Buddhisten verschiedener Schulen, Anhänger lokaler Religionen wie der Dongba-Religion der Naxi, Muslime und Christen, oft in unmittelbarer Nachbarschaft. Über die großen Religionen des Landes informiert die Seite zu den Religionen Chinas.
Unterwegs in Yunnan
Das Bahnnetz hat die Reisezeiten zwischen den Städten in den letzten Jahren stark verkürzt. Zu kleineren Orten und in die Täler fährt man mit Bussen, Taxis oder einem Mietwagen mit Fahrer. Die Straßen sind in gutem Zustand, aber in der Regenzeit kann es zu Sperrungen kommen, und Bergstraßen mit vielen Kurven dauern länger, als die Karte vermuten lässt.
Warme Kleidung gehört auch im Sommer ins Gepäck, spätestens ab Lijiang. In Shangri-La kann es an einem Julinachmittag regnen und kalt werden, während in Kunming am selben Tag Frühling herrscht. Und Sonnencreme mit hohem Schutz: In über 3.000 Metern Höhe ist die Strahlung auch bei Wolken stark genug, um in einer Stunde einen Sonnenbrand zu verursachen.
FAQHäufige Fragen
Was bedeutet der Name Yunnan?
Yunnan heißt wörtlich „südlich der Wolken“. Der Name wird meist darauf zurückgeführt, dass die Region südlich der oft wolkenverhangenen Berge liegt, die das Gebiet vom Norden trennen. Eine chinesische Redewendung beschreibt das Klima um Kunming als vier Jahreszeiten, die alle dem Frühling gleichen.
Wie viele Tage braucht man für Yunnan?
Für die klassische Linie Kunming, Dali, Lijiang, Tigersprungschlucht und Shangri-La rechnet man zehn bis vierzehn Tage. Mit weniger Zeit beschränkt man sich auf Dali und Lijiang, beide über Kunming erreichbar.
Wann ist die beste Reisezeit für Yunnan?
Die Trockenzeit von etwa Oktober bis April bringt klare Sicht auf die Schneeberge. Im Sommer regnet es häufig, dafür ist die Landschaft grün und in den Bergen blühen Blumen. In Shangri-La ist es im Winter sehr kalt, in Xishuangbanna im Süden das ganze Jahr warm.
Muss man sich in Yunnan wegen der Höhe Sorgen machen?
Kunming und Dali liegen auf rund 1.900 bis 2.000 Metern, das ist für gesunde Reisende unproblematisch. Lijiang liegt etwa 2.400 Meter hoch, Shangri-La über 3.000. Wer die Route von Süden nach Norden fährt, gewöhnt sich schrittweise an die Höhe. Bei Vorerkrankungen vorher ärztlichen Rat einholen.
Braucht man für Shangri-La eine besondere Genehmigung?
Shangri-La und die Präfektur Dêqên gehören zur Provinz Yunnan und sind mit den normalen Einreisebedingungen für China zugänglich. Die gesonderte Genehmigung für die Autonome Region Tibet betrifft Lhasa und das übrige Tibet, nicht die tibetischen Gebiete in Yunnan.
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